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Bericht von der totalen Sonnenfinsternis, 11. August 1999

Die Pretulalpe in den Fischbacher Alpen ist mit einer Seehöhe von 1653m und einem tiefen freien Südhorizont ein ausgezeichneter Beobachtungsplatz für Amateurastronomen und wird als solcher bei fast jedem Neumond genutzt. So auch im August 1999, nur hielten diesmal Sonne und Mond exakt zum Neumondzeitpunkt ein besonderes Naturschauspiel für uns bereit: Die totale Sonnenfinsternis. Die Pretul liegt ja nur wenige Kilometer nördlich der Zentrallinie der Finsternis und bietet freien Blick von West über Süd noch Ost, bestens geeignet nicht nur um Sonne und Mond, sondern auch um den herankommenden und abziehenden Schatten, den der Mond auf die Erde wirft, zu beobachten.

Die Wetterprognosen in den Tagen vor der Sonnenfinsternis waren ziemlich chaotisch. Mal sollte es im Salzburger Raum besser sein, dann wieder im südlichen Burgenland - oder doch in der Steiermark? Klar war lediglich, daß sich leider kleine stabile Hochdruckwetterlage einstellen würde. Das Wetter für einen bestimmten Beobachtungsort vorherzusagen schien daher unmöglich - das blieb reine Glückssache. Mein Freund Clemens und ich fuhren daher am Abend des Tages vor dem großen Ereignis, das war ein Dienstag, auf die Pretul, ohne uns weiter um die Wettervorhersagen zu kümmern, die uns ja für die Berge überhaupt keine großen Chancen prognostizierten.

Einige Wochen vor der Sonnenfinsternis hatte ich mir leider einen Bänderriß zugezogen und konnte mich daher nur mit Krücken fortbewegen, keine Lasten tragen und auch nicht Autofahren. Ohne meinen Freund Clemens, der sich freundlicherweise als mein Assistent zur Verfügung gestellt hat, wäre das ganze Unternehmen nicht möglich gewesen. Beim Verladen der Instrumente kam er ganz schön ins Schwitzen, kein Wunder, es sollte ja so einiges mitkommen: Mein 8" f/10 Schmidt-Cassegrain zum Fotografieren, der 4" f/6.5 APO zur visuellen Beobachtung, mehrere Stative, Montierungen, 4 Fotoapparate, eine Videokamera etc., etc., wir hatten unsere liebe Mühe, all das und dann auch noch uns selbst im Auto zu verstauen. ☺

Am Nachmittag hat es noch ganz ordentlich geregnet, in der Nacht zuvor hatte es gar ein starkes Gewitter in Wien gegeben, aber gegen Abend sah es immer besser aus: Die Regenwolken verzogen sich und da die Luft reingewaschen war, gab es weite ungetrübte Fernsicht und wir waren froher Hoffnung, als wir in der Dämmerung beim Rosseggerhaus ankamen. Die Hütte war schon voll: Nicht nur meine Freunde vom Verein Kuffnersternwarte, auch andere Sonnenfinsternis-Beobachter und gar Offiziere des Bundesheeres hatten sich auf der Pretulalpe eingefunden. Zum Glück hatten wir unsere Lagerplätze schon im voraus reservieren lassen.

Nachdem wir das Lager bezogen und ein stärkendes Abendessen eingenommen hatten, warfen wir vor der Hütte einen Blick auf den Himmel: Einige Wolkenreste gab es noch, aber die waren im Begriff abzuziehen! Temperaturen unter 10 Grad Celsius und eisiger Nordwestwind machten den Aufenthalt im Freien allerdings nicht gerade zu einem Vergnügen, aber was ist man als Astronom nicht alles gewohnt. Die dicke Winterbekleidung, die ich eigens mitgenommen hatte, fand jedenfalls Verwendung. Beobachtet haben wir mit dem Refraktor, meist bei niedrigen Vergrößerungen, da der starke Wind trotz stabilem Stativ und Montierung das Teleskop leicht hin- und herbeutelte. Die Stativbeine hat Clemens eigens tief in den Boden gerammt, um festen Halt zu gewinnen.

Die Nacht war nach Abzug der letzten Wolkenreste klar und die visuelle Grenzgröße jenseits von 6 mag, das Seeing aufgrund des starken Windes nicht beurteilbar. Nachdem Clemens erstmals bei einer Beobachtung dabei war, verbrachten wir die Zeit hauptsächlich mit den bekannten Paradeobjekten des Sommersternhimmels. Tief unten im Süden hingen weiterhin Wolken und es wetterleuchtete bis zu uns herauf: Über Graz lag wohl ein Gewitter. Gegen 1:30 war Clemens schließlich durchgefroren und wir beendeten die Beobachtungen mit Jupiter und Saturn, die schon recht hoch am Osthimmel standen. Danach bauten wir den Refraktor ab und ließen lediglich das Stativ stehen, das wir mittels Polsucher genau ausgerichtet hatten. Auch die Montierung schraubten wir nur ab und legten sie ins Auto, ohne an der Polhöhe oder an den Azimutalschrauben etwas zu ändern. Bernhard Aringer hatte sein 8" SCT vor der Hütte aufgebaut und bewies mehr Durchhaltevermögen als wir: Er beobachtete noch bis spät in die Nacht Galaxien.

Am nächsten Morgen, dem Tag der Sonnenfinsternis, machte uns das Wetter gleich von der Früh weg Sorgen: Es regnete. Erst gegen 9 Uhr hörte der Regen auf und einige blaue Stellen am Himmel vergrößerten unsere Hoffnungen auf besseres Wetter zur Finsternis. Mehrere Anrufe mit dem Handy zu anderen Astronomen ergaben, daß das Wetter überall gleich schlecht aussah: Keine bevorzugten Stellen mit blauem Himmel in ganz Österreich, wir waren auf der Pretulalpe genauso gut oder schlecht dran wie sonstwo. Also blieben wir oben und begannen nach einem guten Frühstück damit, unsere Teleskope aufzubauen. Das Stativ war im Regen ganz schön naß geworden, aber dadurch, daß wir es stehen gelassen hatten, war unser Teleskop besser poljustiert als alle anderen dort oben. Das 8" SCT haben wir anhand eines fernen Objektes parallel ausgerichtet. Mit einem Fokalreduktor habe ich die Brennweite auf 1280mm reduziert, vorne drauf kam Filterfolie, das war unser fotografisches Instrument. Der Refraktor wurde mit dem 15mm Panoptik Okular ausgestattet und mit einem guten Glasfilter versehen, mit einem Gesichtsfeld von 1.6 Grad bei 43x war er so optimal für die visuelle Beobachtung der Sonnenfinsternis ausgestattet. Zahlreiche Besucher auf der Pretul haben so einen guten Eindruck der teilweise verfinsterten Sonne mit zahlreichen Flecken bekommen. Für Detailstudien der Sonnenflecken lag noch das 9mm Nagler Okular bereit. Am Ende der Gegengewichtsstange des Refraktors haben wir die Hi8-Videokamera montiert, auch diese war mit Filterfolie für die partiellen Phasen ausgestattet. Und dann stellten wir noch ein Stativ auf, auf dem eine Kamera mit Normalobjektiv montiert war, mit dieser wurde alle 5 Minuten die Sonnen abgelichtet, um so eine Perlenschnuraufnahme der Sonnenfinsternis zu erzeugen.

Unser Setup für die Sonnenfinsternis, die Bilder zeigen auch gut die Wetterlage.

Während des Aufbaus sahen wir die Sonne kein einziges Mal: Dicke Wolken verdeckten den Blick. Der Nordwestwind hatte zwar ein wenig nachgelassen, sorgte aber immer noch für Abkühlung, die Schihose und der dicke Winterannorak waren nach wie vor Notwendigkeit. Zwei Pullover habe ich sogar an weniger gut ausgerüstete Besucher verborgt. Erst knapp vor dem ersten Kontakt, der auf der Pretul um 11:22:43 MESZ eintrat, konnten wir die Sonne erstmals durch Wolkenlücken sehen. Inzwischen waren viele Besucher auf der Pretul eingetroffen, beide Parkplätze waren voll, und dann kam noch ein ganzer Reisebus die Mautstraße herauf. Trotzdem hatten wir Platz genug: Der Parkplatz neben uns mußte für einen Versorgungswagen des Bundesheeres, der, solange wir oben waren, gar nicht aufgetaucht ist, von Autos frei bleiben, dafür sorgte ein bewaffneter Soldat: Eine gute Abschreckung für Möchtegern-Parker an der Stelle... ☺

Sonnenbeobachtung während der partiellen Phase.

Zwischen erstem und zweiten Kontakt zogen immer wieder dicke und dünnere Wolken vor der Sonne vorbei, aber zwischendurch gelangen uns Fotos und Videosequenzen der teilweise verfinsterten Sonne. Zweimal sah es sogar so aus, als würden einige waagrecht daherziehende Wolken Regen bringen, sie zogen jedoch rasch vorbei ohne einen Regentropfen auf der Pretulalpe zu hinterlassen. Inzwischen sind auch meine Frau, meine Schwester und mein Vater zur Unterstützung eingetroffen.

Bilderserie der partiellen Phase I

Knapp zwei Minuten vor dem zweiten Kontakt, der um 12:44:40 stattfinden sollte, wurde das Sonnenlicht wegen der Randverdunkelung gelblich, und es wurde merklich dunkler: Eine ein wenig unheimliche, ganz einzigartige Stimmung.

Die letzen Sonnenstrahlen vor dem zweiten Kontakt. Einzigartige Stimmung.

Wir nahmen alle Filter von den Optiken herunter und stellten die Videokamera auf Dauerbetrieb. Den Mondschatten daherkommen sahen wir nicht, weil wir auf der östlichen Seite des Hauses standen, aber etwa 15 Sekunden vor dem 2. Kontakt begannen die Leute laut zu jubeln: Die schmale Sonnensichel hatte sich zu einem spektakulären Diamantring zusammengezogen. Ich begann wie automatisch den Kameraauslöser immer wieder abzudrücken und verlängerte die Belichtungszeiten immer mehr bis zum Maximum der Finsternis. Wegen des immer noch starken Windes, der das Teleskop doch leicht hin- und herbeutelt, werden die Aufnahmen mit längerer Belichtungszeit leider verwackelt. Während ich fotografierte, klappte der Klappsessel unter mir zusammen: Ich achtete vor Aufregung kaum darauf. Der Stativkopf der einzeln stehenden Kamera verrutschte, und die schaute zum Boden: Egal, keiner hat jetzt Zeit sich darum zu kümmern! Während der Fotos schaue ich hinauf: Venus ist deutlich östlich der Sonne zu sehen, das Licht aller anderen Planeten und Sterne kommt nicht durch die Wolken durch. Toll, wie die Sonne so als außen gelblicher, innen leicht rötlicher Ring dasteht!

Bilderserie vom 2. Kontakt

Perlenkette und Protuperanzen am westlichen Rand beim 2. Kontakt

Dann stürze ich zum APO, durch den vorher meine Begleiter schon geschaut haben. Genau in dem Augenblick, in dem ich durchschauen will, verdeckt eine dunkle Wolke die Sonne vollkommen. Ungewollt finde ich Zeit, mir die Umgebung anzusehen: Über uns ist es ganz finster, der Himmelsrand ist hell und gelblich! Großartig, wie das ausschaut!

Der gelbe Horizont während der Totalität.

Keine fliegenden Schatten sind an den parkenden Autos um mich herum zu sehen. Viele Leute mit Fragen um mich herum, aber ich habe jetzt keine Zeit: Die Wolke gibt die schwarze Sonne jetzt wieder frei! Ich schaue ins Okular, und da stehen viele rote Protuperanzen rundherum um die Sonne, manche normal zum Mondrand, andere wieder parallel dazu, einer scheint gar keine sichtbare Verbindung zum Mondrand zu haben! Die Wolken lassen leider von der Corona sonst nicht viel erkennen. Ich stürze wieder vom Refraktor zurück zum Spiegelteleskop mit dem Fotoapparat, aber der Film ist am Ende! Da, die Leute beginnen wieder zu schreien, zu jubeln: Die Sonne kommt wieder hinter dem Mondrand hervor, es gibt wieder einen Diamantring, nicht ganz so schön wie der erste, aber auch nicht schlecht! Und dann geht es schnell: Es wird wieder hell, ungewohnt schnell nach der kurzen Nacht. Zuerst ist das Licht wieder gelblich, dann wird alles wieder "normal": Das war die totale Phase auf der Pretul, die 2 Minuten und 19 Sekunden gedauert hat!

Bilder der Totalität

Nach Osten schauend, sehe ich das von der Pretul aus sichtbare Flachland dunkel: Dorthin ist der Schatten gewandert. Immer noch aufgeregt, öffne ich die Kamera, um den Film zu wechseln, ohne ihn vorher zurückzuspulen! Gott sei Dank ist nicht viel passiert: Nur die letzen paar Fotos sind verdorben. Nachdem die Filter wieder vor die Objektive gesteckt bzw. geklebt sind, der Klappsessel wieder steht und die einzeln stehende Kamera wieder richtig ausgerichtet ist, und wir auf die wiedergekehrte Sonne angestoßen haben (die Welt ist also doch nicht untergegangen! ☺), kehrt wieder etwas Ruhe ein. Viele Besucher fahren jetzt schon ab, dabei ahnen sie gar nicht, was ihnen entgeht, wie toll es aussieht, wenn der Mond die Sonnenflecken ganz langsam wieder freigibt. Fast schon routinemäßig machen wir jetzt unsere Aufnahmen und Videosequenzen. Jetzt ist die Sonne in einem großen Wolkenloch, und es wird endlich warm! Knapp vor dem 4. Kontakt, der auf der Pretul um 14:08:51 stattfand, ziehen wieder dickere Wolken daher und verdecken die Sonne total, so endet diese Finsternis. Kaum mehr sonst jemand steht noch vor der Hütte und beobachtet die Sonne, von einigen wenigen zähen Astronomen abgesehen.

Bilderserie der partiellen Phase II

Nachdem wir unsere Instrumente abgebaut hatten, das fest in den Boden gerammte Stativ hat drei tiefe Löcher im Boden der Pretul hinterlassen ☺, sind wir in die Hütte gegangen, um endlich unser Mittagessen einzunehmen. 2 Stunden 46 Minuten Sonnenfinsternis, plus Auf- und Abbau der Instrumente, das ist hungrige Arbeit! Die Hütte ist jedoch voll hungriger Sonnenbeobachter, die alle ihr Essen wollen, es dauerte so seine Zeit...

Bevor wir uns auf die Heimreise gemacht haben, haben wir noch ein wenig Karten gespielt, um dem Stau zu entkommen: Es hat nicht viel genützt, der Weg zurück nach Wien hat fast doppelt so lange gedauert wie sonst, so viele Sonnenfinsternis-Beobachter waren auf dem Heimweg. Gegen 20 Uhr waren wir erschöpft, aber zufrieden, zurück in Wien.

Perlenschnuraufnahme der gesamten Finsternis, immer wieder von Wolken unterbrochen.

Was soll ich sonst noch über die Sonnenfinsternis schreiben? Großartig, einmalig, einzigartig? Stimmt alles. Weil ich nicht zu den Leuten gehöre, die den Finsternissen eigens nachreisen, wird es für mich also möglicherweise die einzige totale Sonnenfinsternis bleiben, die ich in meinem Leben beobachtet habe. Schade zwar, daß das Wetter nicht ganz so mitgespielt hat, wie ich es gerne gehabt hätte, klarer Himmel wäre mit lieber gewesen, aber das konnte ich mir ja nicht aussuchen. Dennoch war der Eindruck, den die Sonnenfinsternis hinterlassen hat, einer, den ich nicht vermissen möchte.

Mag. Dipl.-Ing. Walter Koprolin

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