Berichte von der totalen Sonnenfinsternis, 11. August 1999


"Schwarze Sonne" am Brentenriegel

Die totale Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 hatte nicht nur unter den Sternfreunden und Astronomen lange Schatten vorausgeworfen, durch die Medien war eine breite Öffentlichkeit informiert, und so fieberten wohl fast alle diesem "Jahrhundertereignis" entgegen.

Klar, daß sich auch der Howdii dieses Himmelsspektakel nicht entgehen lassen würde. Ich hatte bereits Urlaub genommen, um in Ruhe meine Vorbereitungen treffen zu können. Bereits eine Woche vor der Finsternis begab ich mich auf Erkundungsfahrt, um ein geeignetes Plätzchen zu finden. Entlang der Zentrallinie südlich des Wechsels konnte mir nichts so recht gefallen, zur Not hätte ich eventuell den Hochwechsel selbst ins Auge gefaßt, ich wollte jedoch die bergige Gegend möglichst meiden, da sich hier leicht Wolken "verfangen" könnten, und so fuhr ich noch in die Rechnitzer Gegend ins Burgenland. Auf freiem Feld östlich von Zuberbach wurde ich schließlich fündig, etwa 4km südlich der Zentrallinie. Ein Beobachtungsort mit flachem Horizont, und auf den Feldern genug Möglichkeit, sich da oder dort zu postieren. Ich wollte eigentlich möglichst allein sein, rechnete aber sowieso nicht, daß ich völlig einsam dastehen würde, egal wo.

Die Wetterprognosen ließen uns zappeln. Letzlich war es reines Glücksspiel, wo man auf ein Wolkenloch hoffen könnte. Mit gemischten Gefühlen aber doch zuversichtlich verließ ich am 11. August um 2:30 morgens bei sternklarem Himmel meinen Wohnort Mistelbach. Geplant war, in der frühen Dämmerung am Beobachtungsplatz einzutreffen, um die Montierung noch ordentlich poljustieren zu können.

Auf meiner Reise gegen Süden begleiteten mich die Sterne bis etwa auf Höhe Mattersburg. Dort sah ich Wolken vor mir, und am Südhorizont Wetterleuchten. Je weiter südlich ich kam, desto mehr Wolken gab es, nur am Osthorizont war ein schmaler Streifen frei, durch den die beginnende Dämmerung schimmerte. Und das Wetterleuchten am Südhorizont wurde immer stärker, ich konnte schon einzelne Blitze sehen... Na das paßt ja wieder einmal alles, dachte ich mir, fuhr aber unbeirrt weiter. Ab Lockenhaus Regen, und bei Regen kam ich schließlich an meinem ausgewählten Beobachtungsplatz an. Oh Wunder, da waren bereits zwei Autos mit Badener Kennzeichen... Ich stellte meinen Kübel in der Nähe ab, und mir blieb einmal nichts anderes übrig, als bei Regen im Auto sitzenzubleiben und der Dinge zu harren, die da kommen würden.

Durch den schmalen Wolkenspalt am Osthorizont leuchtete intensives Morgenrot, und die noch unter dem Horizont stehende Sonne erzeugte einen Regenbogen, der ebenfalls ziemlich rot gefärbt war. Dann war die Sonne kurz zu sehen, und bald darauf war sie hinter den Wolken verschwunden. Es regnete noch immer. Als der Regen schließlich aufhörte, stieg ich einmal aus, und schnupperte in die Luft. Im Süden gab es durch ein Wolkenfenster etwas blauen Himmel, durch das ein wenig später die Sonne guckte, und die Szenerie in mildes Licht tauchte. Auch überkopf lockerte es etwas auf, insgesamt schaute es nicht hoffnungslos aus. Jedoch gegen 8 Uhr setzte wieder Regen ein, und von Westen her war nur trostloses Grau zu sehen... Ich schmiß schließlich die Nerven weg, und beschloß, zurück Richtung Norden zu fahren. Angesichts der Wetterlage ging es nun darum, die Totalität überhaupt sehen, wenn auch auf Kosten von Totalitätsdauer. Ich war wild entschlossen notfalls bis gegen Wr. Neustadt raufzufahren, wenn es sein müßte.

Nun, ein Ortswechsel schien mir angesichts des einseztenden Pilgerstroms möglichst früh notwendig, wer weiß schon, ob die nach Süden strömenden Autos wie die Lemminge alle in den Regen fahren würden, oder ob einige aus Panik wieder zurückfahren würden, dann wär das Chaos bald in beiden Richtungen los gewesen. Bei strömendem Regen trieb ich also meinen Dieselkombi wieder über den Geschriebenstein gegen Norden. In Stoob sah ich erstmals stehende Autokolonnen der südwärts strömenden Finsternispilger.

In der Gegend um Markt St. Martin schaute das Wetter schon ein wenig freundlicher aus, und auf Höhe Sieggraben machte ich einmal einen Abstecher auf den Brentenriegel, noch nicht fixiert auf diesen Beobachtungsplatz. Oben waren bereits die ersten Finsternisbeobachter eingetroffen, mein bevorzugtes Platzl konnte ich aber noch ungestört einnehmen. Während ich so bei geöffneter Heckklappe auf der Kofferraumkante hockte, und mißtrauisch in den Himmel blinzelte, wurde das Wetter immer freundlicher. Anfangs war noch die Winterjacke gefragt, aber die Sonne gewann rasch an Höhe und es wurde bald recht warm. Von West her wehte ein leichter Wind.

Wie das Wetter immer besser wurde, beschloß ich, hier den Mondschatten zu erwarten, und traf langsam meine ersten Vorkehrungen. Zum Beobachten der partiellen Phase hatte ich aus einer zwei Meter langen Pappröhre mit geringstem Aufwand eine Lochkamera gebastelt, die ein 18mm großes Sonnenbild erzeugte. Dieses "Kanonenrohr" brachte ich einmal in Anschlag, und noch vor dem Ersten Kontakt baute ich auch meinen 4" f/8 APO auf.

Nach und nach füllte sich der Hügel mit Beobachtern, alles "Touristen", bewaffnet mit Sonnenfinsternisbrillen und Kameras, ich war der einzige der ein "richtiges" Fernrohr aufgebaut hatte. Dementsprechend zog das Fernrohr auch einige Aufmerksamkeit an sich, doch ich verhüllte schließlich das Rohr mit einer Decke, nicht nur um die Neugier der Besucher in Grenzen zu halten, auch um ein unnötiges Aufheizen des Rohres zu vermeiden. Filter hatte ich keines mitgebracht, das Fernrohr sollte nur zur Beobachtung während der Totalität dienen.

So, nun war es bereits Zeit für den Ersten Kontakt. Die Lochkamera zeigte ihn nicht eindeutig, ich hatte nur den Verdacht, daß das runde Sonnenbildchen schon einen "Defekt" aufwies. Auch die Pappbrillenbeobachter konnten noch nichts sehen. Da drehte ich mich zum Publikum um, und sprach mit todernster Stimme: "Aufgrund der eher unsicheren Wetterlage über ganz Österreich ist die Finsternis auf morgen verschoben!" :-) Einige blöde Gesichter :-) Nur einer reagierte: "Sie, für Ihre Art von Humor hab ich aber nichts übrig!" :-) Nach ein paar Minuten aber dann die Erlösung, sowohl die Brillenbeobachter konnten sehen, daß die Finsternis begonnen hatte, und auch meine Projektion zeigte nun deutlich die Phase.

Etwa 20 Minuten vor der Totalität richtete ich mein Teleskop mit aufgesetztem Deckel auf die Sonne aus, erst nur mit der Schattenwurfmethode, dann noch ein kurzer Blick durch den Sucher mit doppelten Schweißglasln vor dem Objektiv - Fadenkreuz auf die Sonne - und schaltete die Nachführung ein. Im Okularauszug bereits ein 2" 27mm Panoptic, das mir bei 30x ein Feld von etwa 2 Grad bietet.

Etwa 10 Minuten vor der Totalität wurde das Licht merklich fahl. Fahles Licht kennen wir vom Mond, aber das war doch noch um vieles heller, etwa wie von einem hysterischen Vollmond. Langsam wurde es immer dunkler, und das Licht nahm einen gelblichen Ton an. Auch wurde es merklich kühler, fast alle Beobachter zogen zuvor abgelegte Kleidungsstücke wieder an. In den letzten Minuten vor der Totalität richtete ich auch noch meine Kamera mit 50mm Objektiv bestückt gegen die Sonne, hier reichte eine Daumen mal Pi Ausrichtung, rein nach dem Schattenwurf des Objektivs.

Der Himmel war nicht wolkenlos, und immer wieder warfen wir bange Blicke auf die Wolken, die da von Westen heranzogen, spekulierten aber, daß es sich ausgehen müßte, daß wir gerade ein Wolkenloch erwischen würden. Nun war wirklich schon ein etwas gespenstisches Dämmerlicht, die Totalität stand unmittelbar bevor. (Und jetzt bitte schneller lesen, damit die Hektik ordentlich rüberkommt :-) ) Wir standen noch in den letzten Sonnenstrahlen, als ich am Westhorizont den Hügel bereits im Schatten sah, und plötzlich war auch der Vordergrund im Schatten, und schon hat irgendwer das Licht ausgeknipst. Mir ist alles viel zu schnell gegangen, etwas perplex stand ich da, und erst als die Menge aufjohlte blickte ich zur Sonne - zur schwarzen Sonne, umringt von der Korona. Schnell stubste ich die Deckel von Fernrohr und Sucher, klemmte die Nachführung ab, noch ein Blick durch den Sucher, Sonne genau einfangen (war durch die nur grobe Poljustierung doch schon ein wenig abgewandert) und dann der Blick durchs Okular: Ahhh, Protuberanzen rundherum, hellrötlich bis leicht rosarot, die feingefächerte Korona... Nach einem relativ intensiven Blick hechtete ich zur Kamera, Ausschnitt kontrollieren, paßt, Venus links unten, und drückte den Auslöser. Während ich den Verschluß offenhielt, vergaß ich vor lauter Begeisterung erstmal zu schauen, und während ich dann doch die Nase gegen die verfinsterte Sonne richtete, forderte ich den einzigen direkt neben mir stehenden Beobachter auf, einen Blick durchs Fernrohr zu werfen, was er auch prompt tat. Bis ich den Verschluß nach etwa 15 Sekunden wieder losließ, war das Okular wieder frei, und ich stürzte wieder zum Fernrohr, kurbelte herum, um die Außenbreiche der Korona abzufahren - etwas mehr als 2 Grad Durchmesser konnte ich beobachten.

Eine innere Uhr sagte mir, daß es jetz wohl gleich vorbei sein müßte, so löste ich die Deklinationsklemme und stubste das Fernrohr an, daß es nach unten zeigte, aus Sicherheitsgründen, damit nicht etwa jetzt einer reinguckt, während die Sonne wieder kommt. Ich hechtete nocheinmal zur Kamera, öffnete den Verschluß, und schon kündigte die johlende Menge den 2. Diamantring an. Verschluß zu, aus, vorbei.

Schnell wurde es wieder hell, und die Spannung fiel ab. Zu kurz, war die einhellige Meinung, viel zu kurz... Aber das sagen wohl auch die, die die maximal mögliche Dauer gehabt hatten...

Was ich wohl mit meiner Kamera wollte? Nur die Umgebung der Sonne dokumentieren, sehen, ob Wolken während der Totalität da waren (ich glaub, daß dünne Wolkenschleier den Kontrast der Korona gegen den dunklen Himmel etwas beeinträchtigt haben), nebst der Venus auch noch vielleicht einige Sterne draufbekommen, und vielleicht find ich auf den Fotos auch Merkur, den ich visuell nicht geschafft habe.

Der Wind war total eingeschlafen. Einige Minuten noch blieb die Menge, und guckte wieder mit den Finsternisbrillen. Ich angelte mir jetzt im Fernrohr geruhsam die Venus, die gerade, auf dem Weg zur Unteren Konjunktion, eine schmale Sichel zeigte. Die durften nun auch etliche in meiner Nähe stehenden Beobachter in Ruhe betrachten.

Dann kamen jede Menge Wolken, von der abklingenden Phase der partiellen Verfinsterung erhaschte man nur mehr selten einen Blick, dementsprechend bröckelten die Besucher der Reihe nach ab, und bald war ich allein. In meiner Lochkameraprojektion verfolgte ich noch ab und zu die zu Ende gehende Finsternis, bis schließlich alles vorbei war. Der Bursch, der bei der Totalität einen Blick durch mein Rohr machen durfte, kam nochmals zu mir auf ein Plauscherl, und um sich extra zu verabschieden.

Ich machte mich schließlich ebenfalls auf den Heimweg, zickzack durchs Burgenland, immer wieder den Stauungen und starken Verkehrsströmen ausweichend, bis ich schließlich in einer "Rekordzeit" von fast 3.5 Stunden wieder daheim war.

Ein paar Gedanken noch zur Totalität. Der Himmel ist dunkler als bei Vollmond, es wird wirklich sakrisch dunkel, nur das vom hellen Horizont hereingestreute Licht bewirkt etwa eine Lichtintensität wie in einer Vollmondnacht, mir ist es aber doch insgesamt etwas dunkler vorgekommen. Die Korona war freisichtig als weißer Ring um die verfinstere Sonne zu sehen, der Sonnenrand erschien leicht rötlich, wohl die Summe der Protuberanzen, die das freie Auge nicht auflösen kann. Die Korona hat im Fernrohr keine auffällige Färbung gezeigt, die feine und feinste Fächerung war aber beeindruckend. Ähem, die Form der Korona, ja, eher rund, ist mir aber an den Polen doch etwas abgeflacht erschienen. Der Mondrand messerscharf, aber doch nicht wirklich glatt. Und der Mond selbst, hm, hat eigentlich doch nicht pechschwarz gewirkt, ich hab ihn als extrem dunkles Grau empfunden. Die Korona hat im Fernrohr etwas geblendet, aber kein Vergleich mit dem Vollmond bei dieser Vergrößerung, den hält man ungefiltert nicht aus. Freisichtig keine Sterne, nur die Venus sichtbar - man bringt ja in der kurzen Zeit auch keine Dunkeladaption zustande.

Auf der Netzhaut meiner Augen blieben Gottlob keine Nachbilder der Finsternis, geistig ist das Bild der "schwarzen Sonne" jedoch fest eingebrannt, ein einmaliges Erlebnis. Emotionell hat mich die totale Sonnenfinsternis nicht sooo arg berührt, ich war nur etwas hektisch und nervös aufgrund der kurzen Dauer (etwa 1:45 Min. am Brentenriegel), muß aber ehrlich gestehen, daß mich Anblicke im 18" bei der Deepsky- oder Planetenbeobachtung manchmal mehr hernehmen, wo ich den Mund nimmer halten kann - die "schwarze Sonne" hingegen hab ich still genossen.

Howdii


Sonnenfinsternis durch Wolken auf der Pretulalpe, Steiermark

Die Pretulalpe in den Fischbacher Alpen ist mit einer Seehöhe von 1653m und einem tiefen freien Südhorizont ein ausgezeichneter Beobachtungsplatz für Amateurastronomen und wird als solcher bei fast jedem Neumond genutzt. So auch im August 1999, nur hielten diesmal Sonne und Mond exakt zum Neumondzeitpunkt ein besonderes Naturschauspiel für uns bereit: Die totale Sonnenfinsternis. Die Pretul liegt ja nur wenige Kilometer nördlich der Zentrallinie der Finsternis und bietet freien Blick von West über Süd noch Ost, bestens geeignet nicht nur um Sonne und Mond, sondern auch um den herankommenden und abziehenden Schatten, den der Mond auf die Erde wirft, zu beobachten.

Die Wetterprognosen in den Tagen vor der Sonnenfinsternis waren ziemlich chaotisch. Mal sollte es im Salzburger Raum besser sein, dann wieder im südlichen Burgenland - oder doch in der Steiermark? Klar war lediglich, daß sich leider kleine stabile Hochdruckwetterlage einstellen würde. Das Wetter für einen bestimmten Beobachtungsort vorherzusagen schien daher unmöglich - das blieb reine Glückssache. Mein Freund Clemens und ich fuhren daher am Abend des Tages vor dem großen Ereignis, das war ein Dienstag, auf die Pretul, ohne uns weiter um die Wettervorhersagen zu kümmern, die uns ja für die Berge überhaupt keine großen Chancen prognostizierten.

Einige Wochen vor der Sonnenfinsternis hatte ich mir leider einen Bänderriß zugezogen und konnte mich daher nur mit Krücken fortbewegen, keine Lasten tragen und auch nicht Autofahren. Ohne meinen Freund Clemens, der sich freundlicherweise als mein Assistent zur Verfügung gestellt hat, wäre das ganze Unternehmen nicht möglich gewesen. Beim Verladen der Instrumente kam er ganz schön ins Schwitzen, kein Wunder, es sollte ja so einiges mitkommen: Mein 8" f/10 Schmidt-Cassegrain zum Fotografieren, der 4" f/6.5 APO zur visuellen Beobachtung, mehrere Stative, Montierungen, 4 Fotoapparate, eine Videokamera etc., etc., wir hatten unsere liebe Mühe, all das und dann auch noch uns selbst im Auto zu verstauen. :-)

Am Nachmittag hat es noch ganz ordentlich geregnet, in der Nacht zuvor hatte es gar ein starkes Gewitter in Wien gegeben, aber gegen Abend sah es immer besser aus: Die Regenwolken verzogen sich und da die Luft reingewaschen war, gab es weite ungetrübte Fernsicht und wir waren froher Hoffnung, als wir in der Dämmerung beim Rosseggerhaus ankamen. Die Hütte war schon voll: Nicht nur meine Freunde vom Verein Kuffnersternwarte, auch andere Sonnenfinsternis-Beobachter und gar Offiziere des Bundesheeres hatten sich auf der Pretulalpe eingefunden. Zum Glück hatten wir unsere Lagerplätze schon im voraus reservieren lassen.

Nachdem wir das Lager bezogen und ein stärkendes Abendessen eingenommen hatten, warfen wir vor der Hütte einen Blick auf den Himmel: Einige Wolkenreste gab es noch, aber die waren im Begriff abzuziehen! Temperaturen unter 10 Grad Celsius und eisiger Nordwestwind machten den Aufenthalt im Freien allerdings nicht gerade zu einem Vergnügen, aber was ist man als Astronom nicht alles gewohnt. Die dicke Winterbekleidung, die ich eigens mitgenommen hatte, fand jedenfalls Verwendung. Beobachtet haben wir mit dem Refraktor, meist bei niedrigen Vergrößerungen, da der starke Wind trotz stabilem Stativ und Montierung das Teleskop leicht hin- und herbeutelte. Die Stativbeine hat Clemens eigens tief in den Boden gerammt, um festen Halt zu gewinnen.

Die Nacht war nach Abzug der letzten Wolkenreste klar und die visuelle Grenzgröße jenseits von 6 mag, das Seeing aufgrund des starken Windes nicht beurteilbar. Nachdem Clemens erstmals bei einer Beobachtung dabei war, verbrachten wir die Zeit hauptsächlich mit den bekannten Paradeobjekten des Sommersternhimmels. Tief unten im Süden hingen weiterhin Wolken und es wetterleuchtete bis zu uns herauf: Über Graz lag wohl ein Gewitter. Gegen 1:30 war Clemens schließlich durchgefroren und wir beendeten die Beobachtungen mit Jupiter und Saturn, die schon recht hoch am Osthimmel standen. Danach bauten wir den Refraktor ab und ließen lediglich das Stativ stehen, das wir mittels Polsucher genau ausgerichtet hatten. Auch die Montierung schraubten wir nur ab und legten sie ins Auto, ohne an der Polhöhe oder an den Azimutalschrauben etwas zu ändern. Bernhard Aringer hatte sein 8" SCT vor der Hütte aufgebaut und bewies mehr Durchhaltevermögen als wir: Er beobachtete noch bis spät in die Nacht Galaxien.

Am nächsten Morgen, dem Tag der Sonnenfinsternis, machte uns das Wetter gleich von der Früh weg Sorgen: Es regnete. Erst gegen 9 Uhr hörte der Regen auf und einige blaue Stellen am Himmel vergrößerten unsere Hoffnungen auf besseres Wetter zur Finsternis. Mehrere Anrufe mit dem Handy zu anderen Astronomen ergaben, daß das Wetter überall gleich schlecht aussah: Keine bevorzugten Stellen mit blauem Himmel in ganz Österreich, wir waren auf der Pretulalpe genauso gut oder schlecht dran wie sonstwo. Also blieben wir oben und begannen nach einem guten Frühstück damit, unsere Teleskope aufzubauen. Das Stativ war im Regen ganz schön naß geworden, aber dadurch, daß wir es stehen gelassen hatten, war unser Teleskop besser poljustiert als alle anderen dort oben. Das 8" SCT haben wir anhand eines fernen Objektes parallel ausgerichtet. Mit einem Fokalreduktor habe ich die Brennweite auf 1280mm reduziert, vorne drauf kam Filterfolie, das war unser fotografisches Instrument. Der Refraktor wurde mit dem 15mm Panoptik Okular ausgestattet und mit einem guten Glasfilter versehen, mit einem Gesichtsfeld von 1.6 Grad bei 43x war er so optimal für die visuelle Beobachtung der Sonnenfinsternis ausgestattet. Zahlreiche Besucher auf der Pretul haben so einen guten Eindruck der teilweise verfinsterten Sonne mit zahlreichen Flecken bekommen. Für Detailstudien der Sonnenflecken lag noch das 9mm Nagler Okular bereit. Am Ende der Gegengewichtsstange des Refraktors haben wir die Hi8-Videokamera montiert, auch diese war mit Filterfolie für die partiellen Phasen ausgestattet. Und dann stellten wir noch ein Stativ auf, auf dem eine Kamera mit Normalobjektiv montiert war, mit dieser wurde alle 5 Minuten die Sonnen abgelichtet, um so eine Perlenschnuraufnahme der Sonnenfinsternis zu erzeugen.

Unser Setup für die Sonnenfinsternis, die Bilder zeigen auch gut die Wetterlage.

Während des Aufbaus sahen wir die Sonne kein einziges Mal: Dicke Wolken verdeckten den Blick. Der Nordwestwind hatte zwar ein wenig nachgelassen, sorgte aber immer noch für Abkühlung, die Schihose und der dicke Winterannorak waren nach wie vor Notwendigkeit. Zwei Pullover habe ich sogar an weniger gut ausgerüstete Besucher verborgt. Erst knapp vor dem ersten Kontakt, der auf der Pretul um 11:22:43 MESZ eintrat, konnten wir die Sonne erstmals durch Wolkenlücken sehen. Inzwischen waren viele Besucher auf der Pretul eingetroffen, beide Parkplätze waren voll, und dann kam noch ein ganzer Reisebus die Mautstraße herauf. Trotzdem hatten wir Platz genug: Der Parkplatz neben uns mußte für einen Versorgungswagen des Bundesheeres, der, solange wir oben waren, gar nicht aufgetaucht ist, von Autos frei bleiben, dafür sorgte ein bewaffneter Soldat: Eine gute Abschreckung für Möchtegern-Parker an der Stelle... :-)

Sonnenbeobachtung während der partiellen Phase.

Zwischen erstem und zweiten Kontakt zogen immer wieder dicke und dünnere Wolken vor der Sonne vorbei, aber zwischendurch gelangen uns Fotos und Videosequenzen der teilweise verfinsterten Sonne. Zweimal sah es sogar so aus, als würden einige waagrecht daherziehende Wolken Regen bringen, sie zogen jedoch rasch vorbei ohne einen Regentropfen auf der Pretulalpe zu hinterlassen. Inzwischen sind auch meine Frau, meine Schwester und mein Vater zur Unterstützung eingetroffen.

Bilderserie der partiellen Phase I

Knapp zwei Minuten vor dem zweiten Kontakt, der um 12:44:40 stattfinden sollte, wurde das Sonnenlicht wegen der Randverdunkelung gelblich, und es wurde merklich dunkler: Eine ein wenig unheimliche, ganz einzigartige Stimmung.

Die letzen Sonnenstrahlen vor dem zweiten Kontakt. Einzigartige Stimmung.

Wir nahmen alle Filter von den Optiken herunter und stellten die Videokamera auf Dauerbetrieb. Den Mondschatten daherkommen sahen wir nicht, weil wir auf der östlichen Seite des Hauses standen, aber etwa 15 Sekunden vor dem 2. Kontakt begannen die Leute laut zu jubeln: Die schmale Sonnensichel hatte sich zu einem spektakulären Diamantring zusammengezogen. Ich begann wie automatisch den Kameraauslöser immer wieder abzudrücken und verlängerte die Belichtungszeiten immer mehr bis zum Maximum der Finsternis. Wegen des immer noch starken Windes, der das Teleskop doch leicht hin- und herbeutelt, werden die Aufnahmen mit längerer Belichtungszeit leider verwackelt. Während ich fotografierte, klappte der Klappsessel unter mir zusammen: Ich achtete vor Aufregung kaum darauf. Der Stativkopf der einzeln stehenden Kamera verrutschte, und die schaute zum Boden: Egal, keiner hat jetzt Zeit sich darum zu kümmern! Während der Fotos schaue ich hinauf: Venus ist deutlich östlich der Sonne zu sehen, das Licht aller anderen Planeten und Sterne kommt nicht durch die Wolken durch. Toll, wie die Sonne so als außen gelblicher, innen leicht rötlicher Ring dasteht!

Bilderserie vom 2. Kontakt

Perlenkette und Protuperanzen am westlichen Rand beim 2. Kontakt

Dann stürze ich zum APO, durch den vorher meine Begleiter schon geschaut haben. Genau in dem Augenblick, in dem ich durchschauen will, verdeckt eine dunkle Wolke die Sonne vollkommen. Ungewollt finde ich Zeit, mir die Umgebung anzusehen: Über uns ist es ganz finster, der Himmelsrand ist hell und gelblich! Großartig, wie das ausschaut!

Der gelbe Horizont während der Totalität.

Keine fliegenden Schatten sind an den parkenden Autos um mich herum zu sehen. Viele Leute mit Fragen um mich herum, aber ich habe jetzt keine Zeit: Die Wolke gibt die schwarze Sonne jetzt wieder frei! Ich schaue ins Okular, und da stehen viele rote Protuperanzen rundherum um die Sonne, manche normal zum Mondrand, andere wieder parallel dazu, einer scheint gar keine sichtbare Verbindung zum Mondrand zu haben! Die Wolken lassen leider von der Corona sonst nicht viel erkennen. Ich stürze wieder vom Refraktor zurück zum Spiegelteleskop mit dem Fotoapparat, aber der Film ist am Ende! Da, die Leute beginnen wieder zu schreien, zu jubeln: Die Sonne kommt wieder hinter dem Mondrand hervor, es gibt wieder einen Diamantring, nicht ganz so schön wie der erste, aber auch nicht schlecht! Und dann geht es schnell: Es wird wieder hell, ungewohnt schnell nach der kurzen Nacht. Zuerst ist das Licht wieder gelblich, dann wird alles wieder "normal": Das war die totale Phase auf der Pretul, die 2 Minuten und 19 Sekunden gedauert hat!

Bilder der Totalität

Nach Osten schauend, sehe ich das von der Pretul aus sichtbare Flachland dunkel: Dorthin ist der Schatten gewandert. Immer noch aufgeregt, öffne ich die Kamera, um den Film zu wechseln, ohne ihn vorher zurückzuspulen! Gott sei Dank ist nicht viel passiert: Nur die letzen paar Fotos sind verdorben. Nachdem die Filter wieder vor die Objektive gesteckt bzw. geklebt sind, der Klappsessel wieder steht und die einzeln stehende Kamera wieder richtig ausgerichtet ist, und wir auf die wiedergekehrte Sonne angestoßen haben (die Welt ist also doch nicht untergegangen! :-)), kehrt wieder etwas Ruhe ein. Viele Besucher fahren jetzt schon ab, dabei ahnen sie gar nicht, was ihnen entgeht, wie toll es aussieht, wenn der Mond die Sonnenflecken ganz langsam wieder freigibt. Fast schon routinemäßig machen wir jetzt unsere Aufnahmen und Videosequenzen. Jetzt ist die Sonne in einem großen Wolkenloch, und es wird endlich warm! Knapp vor dem 4. Kontakt, der auf der Pretul um 14:08:51 stattfand, ziehen wieder dickere Wolken daher und verdecken die Sonne total, so endet diese Finsternis. Kaum mehr sonst jemand steht noch vor der Hütte und beobachtet die Sonne, von einigen wenigen zähen Astronomen abgesehen.

Bilderserie der partiellen Phase II

Nachdem wir unsere Instrumente abgebaut hatten, das fest in den Boden gerammte Stativ hat drei tiefe Löcher im Boden der Pretul hinterlassen :-), sind wir in die Hütte gegangen, um endlich unser Mittagessen einzunehmen. 2 Stunden 46 Minuten Sonnenfinsternis, plus Auf- und Abbau der Instrumente, das ist hungrige Arbeit! Die Hütte ist jedoch voll hungriger Sonnenbeobachter, die alle ihr Essen wollen, es dauerte so seine Zeit...

Bevor wir uns auf die Heimreise gemacht haben, haben wir noch ein wenig Karten gespielt, um dem Stau zu entkommen: Es hat nicht viel genützt, der Weg zurück nach Wien hat fast doppelt so lange gedauert wie sonst, so viele Sonnenfinsternis-Beobachter waren auf dem Heimweg. Gegen 20 Uhr waren wir erschöpft, aber zufrieden, zurück in Wien.

Perlenschnuraufnahme der gesamten Finsternis, immer wieder von Wolken unterbrochen.

Was soll ich sonst noch über die Sonnenfinsternis schreiben? Großartig, einmalig, einzigartig? Stimmt alles. Weil ich nicht zu den Leuten gehöre, die den Finsternissen eigens nachreisen, wird es für mich also möglicherweise die einzige totale Sonnenfinsternis bleiben, die ich in meinem Leben beobachtet habe. Schade zwar, daß das Wetter nicht ganz so mitgespielt hat, wie ich es gerne gehabt hätte, klarer Himmel wäre mit lieber gewesen, aber das konnte ich mir ja nicht aussuchen. Dennoch war der Eindruck, den die Sonnenfinsternis hinterlassen hat, einer, den ich nicht vermissen möchte.

Mag. Dipl.-Ing. Walter Koprolin

Hier anklicken, um mehr Informationen zu den Fotos zu erhalten


Zurück zu den Beobachtungsberichten