XI. Astroexpedition ins Glocknergebiet

8.-11. Oktober 2010

Die Glocknerstraße beim Fuschertörl
Die Großglockner-Hochalpenstraße beim Fuschertörl - beeindruckendes Bergpanorama

Tja, wie das Wetter so spielt...

Eigentlich hatte ich ja bereits zum Neumond im August vor, meine alljährliche Astrofoto-Expedition in die Berge durchzuführen. Im Auge hatte ich dieses Jahr wieder die Großglockner-Hochalpenstraße. Gut dass ich dann doch nicht im August gefahren bin, denn das Wetter hat gar übel mit denen mitgespielt, die es gewagt haben, wie ich nachträglich erfahren habe...

Alternativtermin war der September-Neumond. Aber auch da habe ich mich von der miesen Wetterprognosen abschrecken lassen. Schade, denn wie ich später von anderen Amateuren erfahren habe, die diese Chance genutzt haben, wären doch ein oder zwei gute Nächte drinnen gewesen - grrr...

Mit Oktober hatte ich eigentlich gar nicht mehr gerechnet, da spielt das Wetter doch meist so gar nicht mehr mit, und eiskalt wird's obendrein in den Bergen, mit Schnee und Sturm muss gerechnet werden, nicht wahr? Aber nicht so in diesem Jahr... Erstmals verkündet die Wetterprognose eine stabile Hochdruckwetterlage, rechtzeitig zum Neumond! Das muss doch genutzt werden! Zwar gibt es da so kleine lästige Prognosemodelle wie meteoblue, die Cirren just im Bereich der Glocknerstraße für die fraglichen Nächte anzeigten, aber die ignorieren wir mal, sind doch eh alles ungenaue Rateprogramme, von wegen Schmetterlingseffekt und so, nicht wahr? ;-)

Edelweißspitze
Die Edelweißspitze, Ansicht von Süden, vom Hochtor aus. Die eigentliche "Spitze" wurde seinerzeit abgetragen, um Platz für den Parkplatz zu schaffen.

Also dann, auf in die Berge! Am Freitag, den 8. Oktober, war es so weit. Mein Ziel war die Edelweißspitze, vielleicht der beste Beobachtungsplatz Österreichs, der mit dem Auto erreicht werden kann. An klaren Neumondwochenenden darf man freilich nicht mehr erwarten, der einzige Astronom vor Ort zu sein, dazu ist die Spitze schon zu bekannt. Man steht dort auf einem asphaltierten Parkplatz in einer Höhe von 2572m. Die Höhe merkt man schon deutlich, und nicht nur daran, dass beim Öffnen einer im Tal abgefüllten dichten Wasserflasche erst mal Luft beim Druckausgleich entweicht. Auf- und Abbau eines Teleskopes erscheint da oben schon deutlich mühsamer. Wichtig ist es, nicht zu hetzen, besser alles langsam anzupacken, ohne dabei allzu sehr außer Atem zu kommen. Die Spitze liegt exponiert und ist anfällig für Wind aus jeder Richtung, der leicht auch mal zum Sturm werden kann. Schwache Deckung findet man dann nur hinter dem ovalen Aussichtsturm. Es gibt nordwestlich und etwas unterhalb des Parkplatzes eine Unterkunft, die Edelweißhütte, die von der Familie Lederer (senior und junior) betrieben wird, die sind schon recht gut auf Astronomen eingerichtet. Man kann seine Teleskope in der geräumigen Garage einstellen, und die Küchentür bleibt die ganze Nacht über offen, so dass man nach Belieben raus und rein kann, ein großer Vorteil gerade in eisig kalten Herbstnächten. Und für Langschläfer ist es kein Problem, auch noch gegen Mittag ein verspätetes Frühstück zu bekommen...

Bikerparkplatz Edelweißspitze
Bikerparkplatz auf der Edelweißspitze, der in der Nacht gerne als Standplatz für Teleskope verwendet wird

Edelweißhütte und Cirren
Die Edelweißhütte am späten Nachmittag, Cirren am Himmel

Dieses Jahr hatte ich das große Vergnügen, eine Gruppe von erfahrenen "Dobsonauten" in der Edelweißhütte vorzufinden, es waren Friedl, Uwe, Gerrit und einige weitere. Teilweise kannten wir einander schon von früheren Aufenthalten auf der Edelweißspitze. Die Kollegen waren alle mit Geräten von 16" bis 27" (!) Öffnung vor Ort, da konnte ich mich mit meinen vergleichsweise kleinen Geräten nur verstecken ;-) Ich war der einzige Fotograf in der Runde. Das hieß für mich strenge Lichtdisziplin, aber auch dass ich immer wieder durch diese tollen Geräte durchschauen durfte, während meine Fotos liefen, und Objekte visuell mitbeobachten konnte, von denen ich vorher nicht mal zu träumen gewagt habe! Vielen Dank an die netten Kollegen aus Bayern und aus Tirol. Nähere Details zu den einzelnen Beobachtungen später.

Zwei Dobs... ...und noch 2 Dobs
Zwei Dobs (Eigenbau) auf äquatorialen Plattformen zur Nachführung, und noch zwei Dobs (Markenware)

Als ich am Freitag relativ spät auf der Edelweißspitze eintraf und Quartier nahm, war der Himmel leider voller Cirren, und die sollten uns die ganze Nacht hindurch erhalten bleiben, gerade wie von meteoblue vorhergesagt. Naja, das hat man davon, wenn man den Prognosen nicht glaubt... Trotzdem war die Durchsicht zumindest zeitweise nicht schlecht, 6.3 mag freisichtige Grenzgröße im Kleinen Bären waren durchaus drin. Es war windstill und trocken, mit Temperaturen knapp über 0°C. Zu Beginn waren fast alle Rohre auf den aktuellen Kometen 103P/Hartley gerichtet, der nahe an h&χ Persei vorbeizog und zusammen mit dem bekannten Doppelsternhaufen wunderbar ins Bildfeld meiner 4.9" f/3.8 Wright-Newton Optik passte, ich habe über 2½ Stunden (mit Unterbrechungen wegen der Cirrus-Wolken) hinweg den Kometen aufgenommen. Da er ziemlich schnell unterwegs war, sieht man ihn während der Zeit schön wandern.

103P/Harley, NGC 884, NGC 869 103P/Harley, NGC 884, NGC 869 103P/Harley, NGC 884, NGC 869
Animation und zwei zusammengesetzte Bilder der Bewegung des Kometen 103P/Hartley nahe h und χ Persei am 8. Oktober 2010, 20:52 - 23:31 MESZ
Die häufig durchziehenden Wolken verursachten einen stark variierenden Hintergrund und zwei größere Lücken in der Animation

Überraschenderweise war das Seeing sehr gut, 1- haben die Spezialisten dazu gesagt, daher war Jupiter ein Ziel der meisten Dobs. Und der sorgte für einen Höhepunkt in dieser Nacht, weil die Luft wirklich sehr ruhig war. Vor allem am 16" Eigenbau-Dob von Friedl Lamprecht kam ich aus dem Staunen nicht heraus, so toll habe ich den Planeten noch nie gesehen, derart viele Details und Struktur in den Bändern, im Großen Roten Fleck (GRF), und sogar auf den Monden! Das musste ich aufnehmen, da kam meine neuen DMK 31AU03.AS Planetenkamera zum Einsatz, im 9.5" Newton, den ich für diesen Einsatz extra aufgebaut habe. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Da kann ich mit Fug und Recht behaupten: So gute Aufnahmen von Jupiter hab' ich noch niemals gemacht!

Jupiter und Io
Jupiter und Io am 9. Oktober 2010 um 1:10 MESZ

In den großen Dobs, allen voran der 27" f/4.2 Eigenbau von Uwe Glahn, hatte ich auch so meine schönen Beobachtungserlebnisse, wann auch immer ich nicht allzu sehr mit meinen Fotos beschäftigt war. NGC 604 ist das hellste H-II-Gebiet in der Dreiecks-Galaxie M33, in dem Nebel konnten im 27" Dob und auch in den kleineren Newtons leicht Einzelsterne aufgelöst werden, in T-förmiger Anordnung. Auch R Aquarii ist mir in Erinnerung geblieben, das ist ein veränderlicher Stern, genauer gesagt ein Doppelsternsystem mit einem Weißen Zwergstern und einem Roten Riesen, wobei der Zwerg dem Riesen Material herausreißt, dass man nun als langen senkrechten Streifen beobachten kann, nach oben hin etwas länger, nach unten hin kürzer.

Um ca. 3:30 war es so schlimm mit den Cirrus-Wolken, dass wir aufgegeben, abgebaut und uns zum After-Work-Bier zusammengesetzt haben. Wie's der Wettergott so will, hat's just dann wieder aufgeklart - eh klar, der Klassiker... :-(

Am nächsten Tag war eine kleine Wanderung angesagt, das Wetter war ja prächtig. Von der Edelweißspitze aus ging es über den Gamsboden und am Kendlkopf vorbei zum Baumgartlkopf (2623m), ca. 1½ Stunden in jede Richtung ist man da unterwegs. Schöne Ausblicke gab es nach Nordosten in Richtung Dachstein, nach Südosten hin zur Goldberggruppe und natürlich nach Südwesten in Richtung Glocknergruppe.

Unterwegs am Gamsboden Felsblock am Gamsboden Blick zur Goldberggruppe
Impressionen von der Wanderung - Unterwegs am Gamsboden, ein interessanter Felsblock (Hundeschnauze?), Blick zur Goldberggruppe

Panorama am Baumgartlkopf
Panorama am Baumgartlkopf, Blick zur Glocknergruppe

Blick zum Großen Wiesbachhorn Dachsteinblick Rückweg zur Edelweißspitze
Impressionen von der Wanderung - Blick zum Großen Wiesbachhorn, Dachsteinblick, Rückweg zur Edelweißspitze

Samstag Abend prägten wie schon in der Nacht zuvor dünne Cirren den Himmel. Die Nacht war dann ähnlich, windstill und trocken, sehr gutes Seeing, aber Cirren, die immer wieder gestört haben.

Milchstraße und Wolken über dem Brennkogel Orion und Wintermilchstrasse Orion über dem Brennkogel
Strichspuraufnahmen der zweiten Nacht: Milchstraße und Wolken über dem Brennkogel, Orion und die Wintermilchstraße, Orion über dem Brennkogel.
Der tiefe Südhimmel ist auch in den Zentralalpen lichtverschmutzt.

Jupiter war wieder ein lohnendes Beobachtungsobjekt, anfangs sogar mit Schattenwurf von Ganymed und dem GRF, wirklich ein schönes Bild, das ich mit der DMK31 aufgenommen habe.

Jupiter und Europa, Ganymed (wirft einen Schatten) und Io
Jupiter mit seinen Monden (von links nach rechts) Europa, Ganymed (wirft einen Schatten) und Io am 9. Oktober 2010 um 20:45 MESZ

Später, als die "irdischen" Cirren langsam dünner wurden, habe ich den Cirrus-Bogen NGC 6992/5 mit dem 9.5" Newton aufgenommen, gegen Ende der Nacht IC 59 und IC 63, zwei kombinierte Emissions- und Reflexionsnebel ganz in der Nähe von γ Cassiopeiae.

NGC 6992/5 NGC 6992/5 IC 59 und IC 63
Deep-Sky Aufnahmen der zweiten Nacht: NGC 6992/5 - Cirrus-Bogen (mit Detailvergrößerung des Bereiches um die "Knochenhand"), IC 59 und IC 63 bei γ Cassiopeiae

Ostteil des Schwans Cassiopeia
Milchstraßenaufnahmen der zweiten Nacht: Der Ostteil des Sternbildes Schwan, das Sternbild Cassiopeia (ganz)

In der besseren zweiten Nachthälfte habe ich mit dem SQM-L eine Himmelshelligkeit von 21.5 mag/arcsec2 abseits der Milchstraße gemessen. Die visuelle Grenzgröße lag bei 6.4 mag im UMi. Diese Werte sind zwar nicht berauschend gut für die Glocknerstraße, dennoch war bei diesen Bedingungen der Gegenschein als ziemlich großer diffuser Fleck etwa eine handbreit links von Jupiter, in den Fischen, zu sehen. Man konnte sogar das Zodiakalband quer über den halben Himmel erahnen, von Jupiter zwischen den Pleiaden und Hyaden hindurch bis hinunter zu den Zwillingen. Heller als die Milchstraße war der Zodiakalkegel dann knapp vor der Morgendämmerung, da ging der Löwe schon auf und Orion hat kulminiert...

Gegenschein, 10. Oktober 2010 Zodiakallichtkegel, 10. Oktober 2010
Gegenschein (der schwache, ziemlich große diffuse Fleck in der Bildmitte, Jupiter zieht die hellste Strichspur) und Zodiakallichtkegel am 10. Oktober 2010.
Beide Aufnahmen mit 18mm Brennweite.

Von dieser Nacht habe ich noch zahlreiche visuelle Beobachtungen in Erinnerung. Nach Jupiter und seinen Monden den "Blue Snowball" NGC 7662, ein Planetarischer Nebel im Sternbild Andromeda, von dem Zentralstern, ovaler Ring und äußeres Halo beobachtbar waren. NGC 1 und NGC 2 sind zwei benachbarte Spiralgalaxien im Pegasus, an denen man aber im 16" Dob kaum Details sehen konnte. Stephans Quintett sollte - zumindest bei Betrachtung im 27" Dob - eigentlich Stephans Sextett heißen, weil dort 6 Galaxien zu sehen sind, von denen allerdings nur 5 Stück tatsächlich ein räumlich enges, wechselwirkendes System bilden, NGC 7320 ist eine Vordergrundgalaxie, die lediglich durch die Projektion mit Stephans Quintett zusammenfällt. NGC 7320 C is klein und lichtschwach, gehört aber zum Quintett.

Im Trapez (auch Θ1 Orionis), einem kleinen offenen Sternhaufen im Orionnebel, waren bei dem guten Seeing neben den helle Komponenten A, B, C und D auch leicht die schwierigeren Komponenten E und F zu sehen. Die Komponenten G und H erwiesen sich als schwierigere Nüsse, G war blickweise im 27" Dob zu erkennen, bei H musste ich passen. Die Huygens-Region des Orionnebels zeigte sehr viel Struktur, gesprenkelt mit unzähligen feinsten Sternen, das habe ich noch nie so gesehen! Das habe ich der guten Optik und dem gutem Seeing zu verdanken.

Der Eskimo-Nebel (NGC 2392), ein bekannter Planetarischer Nebel in den Zwillingen, war nicht nur mit zentraler Scheibe und Zentralstern zu sehen, auch die "Krause" war problemlos beobachtbar, mit Struktur. Der Krebsnebel M1, der bekannte Supernovaüberrest im Sternbild Stier, zeigt im 27" Dob mit [OIII]-Filter deutliche Filamentstruktur - so habe ich den noch nie gesehen. Der Pulsar war unter den Bedingungen kein Problem, man muß nur wissen, welcher von den zahlreichen Sternen im Nebel es tatsächlich ist.

Abell 21, der Medusa Nebel, zeigte sich als Bogen in einem 18" Dob, links heller, rechts breiter, mit eingebettetem Stern. Die beiden Quasare QSO 0957+561 A/B, auch bekannt unter dem Namen Twin Quasar (Zwillingsquasar) im Ursa Major, sind ein bekanntes Beispiel für eine Gravitationslinse. Genau genommen handelt es sich um zwei Abbilder des gleichen Quasars, die im Abstand von 6 Bogensekunden stehen, sie waren im 27" Dob ohne weiteres zu trennen, obwohl nur 16.5 und 16.7 mag hell. Gleich südlich vom Doppelquasar steht NGC 3079, eine Balkenspirale, die man beinahe von der Kante sieht.

Den Ausklang der tollen Deep-Sky Nacht bildeten der Pferdekopfnebel B33, der stand im 27" Dob mit Hβ-Filter als Rössl da, schaut aus wie man ihn von Fotos kennt, und der nahe Flammennebel NGC 2024. Danach war die Morgendämmerung schon deutlich fortgeschritten, es wurde merklich heller. Da war Abbau angesagt, ich blieb aber noch ein wenig um das Bergpanorama in der Morgendämmerung zu fotografieren, jedes Mal wieder ein schönes Erlebnis.

Abbau des 27-Zoll Dobs Brennkogel in der Morgendämmerung Goldberggruppe in der Morgendämmerung
Morgendämmerung: Abbau des 27" Dobs, Brennkogel, Goldberggruppe

Panoramaaufnahme: Glocknergruppe in der Morgendämmerung
Panoramaaufnahme: Glocknergruppe in der Morgendämmerung

Den Sonntag nutzte ich für Reparaturen, auf so einer Astro-Tour geht ja immer einiges kaputt, so z.B. der Dec+ Kontakt des Autoguiders, beim Eingang zur Steuerung. Da half als Notlösung in der Nacht, der Poljustierung einen leichten Offset nach Osten zu geben, so dass nur mehr Dec- beim Nachführen gebraucht wurde. Diesen Fehler konnte ich am nächsten Tag vor Ort reparieren, ich hatte das notwendige Werkzeug mit dabei, sogar das Multimeter und eine Pinzette. Nach Abschluss der Reparaturen gönnte ich mir die Fahrt zum Franz-Josefs-Höhe, wo man den schönsten Glockner-Blick hat. Südlich vom Hochtor hing Nebel, was einige stimmungsvolle Fotos ermöglichte.

Wallackhaus über dem Nebel Hocharn über den Wänden
Südseite, knapp oberhalb der Nebelgrenze - Wallackhaus mit Schobergruppe im Hintergrund, Hocharn über den Wänden

Bergwald im Nebel Glocknerstraße im Nebel
Im Nebel - Bergwald und Glocknerstraße

Die Franz-Josefs-Höhe war aber nebelfrei, der Blick zum Großglockner wie immer grandios.

Bikerrast auf der Franz-Josefs-Höhe
Bikerrast auf der Franz-Josefs-Höhe

Glockner, 48mm Brennweite Glockner, 200mm Brennweite
Der Glockner - Schwarzer Fels, weißer Berg

Erschreckend aber der Zustand der Pasterze: Der Gletscher zieht sich immer weiter zurück. Dort wo ich vor wenigen Jahren noch blendend weisses Gletschereis gesehen habe, ist jetzt nur noch graues Geröll oder abgeschliffener Fels übersät mit Tümpeln. Sogar im Hufeisenbruch gleich unterhalb des Nährgebietes sieht man die Ausaperung, da kommt auch schon der nackte Fels durch. Wenn das so weitergeht, ist in ein paar Jahrzehnten nichts mehr übrig von der Gletscherzunge. Tja, daran ist die globale Erwärmung schuld... Aber wer weiß, vielleicht gibt es in 200 Jahren hier ein blühendes Hochtal, in dem Schafe und Kühe weiden, dort wo heute noch der Gletscher liegt?

Panoramaaufnahme der Pasterze
Panoramaaufnahme der Pasterze

Gletscherspalten in der Pasterze Johannisberg über dem Hufeisenbruch der Pasterze
Pasterze, Details - Spaltenzone, Hufeisenbruch mit Johannisberg. Überall sieht man die Ausaperung

Interessante fotografische Impressionen ergaben sich vom Sandersee, in dem sich Tonnen von Gletscherschliffmaterial, geschürft vom Pasterzengletscher, ablagern. Der See hat sich 1958-1976 gebildet, damals lag er direkt an der Gletscherzunge. Ab 1979 setzte sich die zurückschmelzende Pasterzenstirn vom See ab. Das beim Rückzug des Gletschers entstandene flache Becken ist eine Sedimentfalle, in der das dem Gletscher entströmenden Schmelzwässer seine Fracht entlädt, deshalb verlandet der ehemalige See zunehmend.

Sandersee, ganz

Sandersee, Detail Sandersee, Detail Sandersee, Detail Sandersee, Detail
2 Personen am Sandersee 2 Personen am Sandersee
Der Sandersee - Fotografische Impressionen vom Sandersee, der einst unter der Pasterze lag, und aus Gletscherschliffmaterial besteht

Murmeltiere habe ich dieses Jahr keine mehr gesehen, die Tiere sind wohl schon im Winterschlaf. Die angeschriebenen Steinböcke waren auch nicht zu sehen, nur die stets gegenwärtigen Raben. Bei der Rückfahrt zur Edelweißspitze bemerkte ich, dass der Nebel auf der Südseite immer höher stieg. Bald würde er das Hochtor erreichen. Ob der wohl in der Nacht auf der Edelweißspitze stören wird...?

Sinwelleck mit Nebel Brennkogel mit Nebel Brennkogel und Kloben mit Nebel Goldberggruppe mit Nebel
Der Nebel erreicht die Bergspitzen - Sinwelleck, Brennkogel und Kloben, Goldberggruppe

Nach einem kräftigen Abendessen ging es dann raus auf den Parkplatz. Dort staunte ich erst mal nicht schlecht: Heute, am Sonntag Abend, waren etwa 10 Amateure anwesend, darunter erstmals auch ein paar Fotografen! Sogar ein Riesen-Bino war da zu sehen.

Starparty auf der Edelweißspitze
Zahlreiche Teleskope auf der Edelweißspitze am Abend des 10. Oktober 2010

Kurzer Blick nach Süden: Aha, der Nebel "fließt" über das Hochtor und den weiteren Alpenhauptkamm drüber, kommt aber nicht zur Edelweißspitze hoch. Naja, solange das so bleibt... Mit einer feuchten Nacht war jedenfalls zu rechnen, meinen Wright-Newton baute ich daher vorsichtshalber mit vollem Tauschutz inklusive Beheizung auf.

Panoramaaufnahme: Nebel auf den Bänken
Panoramaaufnahme am späten Nachmittag: Nebel "fließt" über die Bänke

Spielmann Blick nach Norden in der Abenddämmerung
Abenddämmerung: Die schmale Mondsichel knapp vor dem Untergang über Spielmann (3027m) mit Nebel, Blick nach Norden auf Steinernes Meer und Zeller See

Gegen 21 Uhr kam Wind auf, schneidend kalt aus Süden. Der trieb den Nebel hinauf zur Edelweißspitze. Binnen weniger Minuten war alles mit einem dünnen Eispanzer überzogen. Manche der Anwesenden hatten vorläufig genug und zogen sich in die Hütte zurück - dieses Opfer hat es anscheinend gebraucht, denn der Wind ist bald wieder eingeschlafen und der Nebel war dann auch gleich wieder weg! Nach ein paar guten Stunden mit einer Himmelshelligkeit von 21.5 mag/arcsec2 abseits der Milchstraße (gemessen mit dem SQM-L) legte der Wind aber wieder zu und wurde zum Sturm, so stark, dass er die Alufolie, in der mein CCD eingewickelt war, davongefetzt hat! Da war schneller Abbau angesagt. Das war so um 1 Uhr. In dieser Nacht bin ich nicht dazugekommen, visuell zu beobachten, und auch mit den Fotos wollte es nicht so recht klappen, dazu war der Wind immer wieder zu stark. Die Aufnahmen von Sharpless 129 zeigen alle längliche, verwackelte Sterne.

Milchstrasse über dem Sinwelleck Starparty auf der Edelweißspitze
Strichspuraufnahmen der dritten Nacht: Milchstraße über dem Sinwelleck, die "Starparty" ist im vollem Gange

Am Montag, den 11.10., hieß es leider Abschied nehmen von der Glocknerstraße, ich musste heim. Andere blieben länger, ich hoffe sie haben noch Glück gehabt. An der Baumgrenze blieb ich noch kurz stehen und machte Fotos, dann ging es über die Westautobahn heim nach Wien.

Lärche mit dürrer Spitze Lärche mit dürrer Spitze Schiefe Lärche
Lärchen an der Baumgrenze

Blumengeschmücktes Haus in Fusch
Blumengeschmücktes Haus in Fusch an der Glocknerstraße, fotografiert auf der Heimfahrt

Geblieben ist die Erinnerung an einen schönen Aufenthalt in den Bergen, auch wenn die Nächte nicht optimal waren, trotzdem sind einige Fotos und viele gute Beobachtungen zusammengekommen.


Zusammenfassend kann ich schreiben, dass der Oktober durchaus noch brauchbar ist für Astro-Touren auf die Großglockner-Hochalpenstraße. Es geht dann schon wesentlich ruhiger zu als im Sommer, es gab während der drei Nächte keinerlei Störungen durch "Nachtschwärmer" und andere Ausflügler, die glauben, spät nachts mit viel Licht zur Edelweißspitze kommen zu müssen, das ist ein großer Pluspunkt. Andererseits muss man im Oktober schon teilweise harte Bedingungen aushalten können, Temperaturen um 0 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit, Nebel und eisiger Wind sind hier zu nennen. Bezüglich der Cirruswolken hatte ich einfach Pech, da hätte ich vielleicht doch den Prognose Glauben schenken sollen... Beim Wallackhaus wäre zu dieser Zeit keine Beobachtung möglich gewesen, dort lag der Nebel vermutlich während aller drei Nächte dicht - da ist die Edelweißspitze klar im Vorteil, solange nicht der Südwind den Nebel über das Hochtor drüber bis hin zur Edelweißspitze drückt. Die Edelweißhütte bewährte sich wieder als günstige Astronomen-Unterkunft. Die Bequemlichkeit, sich während einer kalten Nacht immer wieder im Haus Aufwärmen zu können, ist nicht zu unterschätzen. Außerdem konnte ich so laufend die bei der Kälte rasch leer werdenden Akkus der DSLRs aufladen. Meine großen Akkus für Notebook, CCD und Nachführung durfte ich tagsüber in der Garage aufladen.

Mitderweile fahre ich schon 13 Jahre lang immer wieder hinauf zur Glocknerstraße, um dort Astronomie zu betreiben. In der Zeit hat sich schon so einiges geändert, und das nicht nur am Pasterzengletscher, der sich immer weiter zurückzieht. Wurde ich früher noch teilweise als "verrückter Sonderling" belächelt, so sind die Anrainer inzwischen längst an uns Astronomen gewöhnt. Es ist durchaus die Norm, mit zahlreichen anderen Amateuren auf der Edelweißspitze zu stehen, kleine Starpartys an klaren Neumondwochenenden sind üblich. Vielleicht sind ja auch meine Berichte ein bisschen daran schuld, dass sich dieser ehemalige "Geheimtip" so herumgesprochen hat...

Wie auch immer, schön war's, ich komme gerne wieder!

Walter

Jörgen Oskar
Jörgen und Oskar stehen bereit für den Winter

Link: Der Bericht von Uwe Glahn über dieses Ereignis: 5 Nächte Rock'n'Roll auf der Edelweißspitze


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