Beobachtungen mit dem Tele Optik Nerius Großfeldrefraktor

Bericht vom 8. 9. 2012 und 16. 9. 2012 (Ebenwaldhöhe)

Der Tele Optik Nerius ist ein bemerkenswerter 152/900 mm Großfeldrefraktor. Ähnliche "Tüten" gibt es von mehreren Herstellern, sie alle werden vielfach als "Farbwerfer" verspottet. Der Nerius ist aber definitiv ein anderes Kaliber. Schon die mechanische Verarbeitung überzeugt. Es gibt eine ausziehbare Taugkappe, der Frontabschlussdeckel wird auf die Taukappe aufgeschraubt. Der Tubus wird mit CNC Rohrschellen umfasst, unten gibt es eine 2" Prismenschiene dran, oben einen stabilen Tragegriff. Der Griff leistet gute Dienste, weil der Nerius ist mit 11kg schon ein schwerer Brocken. Hinten am Nerius finden wir einen soliden 3" Fokussierer mit Feintrieb, div. Schraubgewinde bis hin zum 2" und 1,25" Reduzierstück ist alles vorhanden. Eine Sucherhalterung findet sich nirgends. Allenfalls kann man eine Telrad oder Rigel Basis auf den Tubus aufkleben. Mein Testexpemplar war für Telrad vorbereitet, ich hatte aber meinen Telrad gar nicht mit, da ich den Nerius ohnehin auf der iOptron ieq45 Goto Montierung betreiben wollte. Da brauche ich nicht unbedingt einen Sucher, das Alignment klappt bei korrekter Aufstellung und Poljustierung so gut, dass der Alignmentstern bereits im Gesichtsfeld eines Teleskops dieser Brennweite zu sehen ist.

Tele Optik Nerius 152/900 Großfeldrefraktor

Hier der Tele Optik Nerius auf der iOptron ieq45. Das Objektiv ist so schwer, dass der Refraktor relativ weit vorne am Tubus gehalten wird. Dadurch ist noch Platz für einen Telrad hinter den Rohrschellen. Hier ist nur die Basis zu sehen. Eine Goto Montierung braucht ja nicht unbedingt einen Sucher...

Die Optik wird in der Werbung als besonders gut beschrieben, mit einem geringerem Farbfehler als die übliche Konkurrenz. Nun, so ist es wirklich. Zauberei gibt es nicht. Des Rätsels Lösung: es ist ein LD Objektiv, wo eine "low dispersion" Linse drin steckt. Also ein Achromat mit verringertem Farbfehler. Freilich, wenn man beim Alignment einen hellen Stern wie z.B. Altair im Adler anfährt, sieht man schon bei 40x den Farbfehler, einen kleinen Blauhalo um den Stern. Aber definitiv weit weniger schlimm, als ich das von der Konkurrenz kenne. Der Nerius ist für mich schon deshalb ein interessanter Kandidat, weil er von der Öffnung und Brennweite recht gut mit meinem Ceravolo HD 145, dem 5.7" f/6 Maksutov-Newton, vergleichbar ist. Da war ich schon sehr gespannt auf die Deep Sky Performance des Refraktors, genau das ist ja sein angestammtes Revier.

Die erste Nacht (8. Septemper) auf der Ebenwaldhöhe war von etwas dunstigem Wetter begleitet. Der horizontnahe Südhimmel war merkbar aufgehellt. Die Ebenwaldhöhe ist offenbar auch nicht mehr das was sie einst war. Im Zenitraum gab es aber mit 6,2 mag einen recht feinen Himmel. Die Nacht war trocken, etwas kühl, aber ich habe es gerade noch mit einer dünnen Strickjacke ausgehalten. Die zweite Nacht (16. Septemper) war noch von Rückseitenwetter geprägt. Der Südhimmel präsentierte sich dunkler, und im Zenitraum gab es gut und gern 6,3 mag. Allerdings war es in dieser Nacht windig, mehr oder weniger, wechselnd, fallweise ist der Wind auch kurz eingeschlafen. Es war sehr frisch, durch den Wind noch verschärft. Die Daunenjacke hatte ich wohl dabei, allerdings hätte ich mir eine wärmere Hose gewünscht. Taubeschlag gab es auch in dieser Nacht nicht. Nun der Reihe nach zu den Beobachtungsobjekten:

Beobachtungen vom 8. September:

M8 (Lagunennebel) war mein erstes Ziel. Ohne Filter war der Eindruck am aufgehellten Südhimmel eher matt. Mit dem UHC Filter dann besser. Da kam doch eher das gewohnte Bild, was man so in Erinnerung hat. Auch M20 (Trifid Nebel) hat unter diesen Bedingungen "gelitten". Der Reflexionsnebel war sehr schwierig auszunehmen, die dunklen "Rüssel" im Emissionsnebel konnte ich jedoch mit dem UHC Filter recht gut sehen. Bei beiden Objekten war die Vergrößerung 40x.

Den Nebelfilter nahm ich vorerst wieder heraus. Mein Streifzug führte mich zu den Sternhaufen M21, M25 und M18, den Kugelhaufen M28 und M22.

M17 (Omega Nebula) ergab mit dem UHC Filter bei 40x einen durchaus vertrauten Anblick, mit schönen Strukturen im "Schwan". Bei M16 (Adler Nebel) war der Nebel (mit UHC) in seiner Form gut sichtbar, allerdings bei 40x kein Deut von der "Starqueen". Das habe ich mit 5,7" Öffnung besser in Erinnerung. Da der Himmel in dieser Höhe immer noch aufgehellt war, wollte ich aber nicht herumprobieren, ob ich die Starqueen irgendwie doch erwischen könnte.

Weiter oben, bei M71 (Kugelhaufen), fand ich endlich einen der Ebenwaldhöhe würdigen Himmel vor. M71 war demnach auch ein Genuss, feines Sternengesprenkel. Auch M27, der Hantelnebel, konnte mich überzeugen. Bei 40x waren die Ohren indirekt schön zu sehen, und mit höherer Vergrößerung begann ich die Suche nach dem Zentralstern. Da waren mehrere Sterne im Nebel zu entdecken, der Zentralstern problemlos sichtbar.

NGC 6905, als "Blue Flash Nebula" bekannt, ist ein Kleinod von einem Planetarischen Nebel. Er liegt in einem sternreichen Feld, und kuschelt sich zwischen drei Sternen rein. Bei schwacher Vergrößerung muss man schon zweimal schauen, dass da was Nebeliges drin steckt. Aber bei 40x deutlich genug, überhaupt, wenn man ihn kennt. Die Flächenhellilgkeit ist etwa gleich der des Hantelnebels M27, somit verträgt NGC 6905 durchaus etwasVergrößerung. Dabei kommt eine "Sanduhrform" zum Vorschein, die auch der Nerius schön gezeigt hat.

NGC 6781, ebenfalls ein Planetarischer Nebel, wurde zur leichten Beute. Es zeigte sich ein einseitig offener Ring mit etwas aufgehelltem Zentrum.

Zwei der drei Kugelhaufen im Herkules sind ja feine Schaustücke: M13 und M92. Beide eine Augenweide im Nerius. NGC 6229 ist ein Testobjekt zum Ausreizen des Limits. Aber der Nerius hat daran ungeniert im Halo Einzelsterne gezeigt.

Als netten Abschluss gönnte ich mir NGC 7662, den "Blue Snowball". Dieser Planetarische Nebel hat eine hohe Flächenhelligkeit, ein dicker Knödel mit auffällig tütkiser Farbe. Ich hatte es schon eilig, daher bin ich bei 40-facher Vergrößerung geblieben. Zusammenpacken und Abreise war angesagt, weil ich am nächsten Morgen zeitlich aufstehen musste.

Beobachtungen vom 16. September:

In dieser Nacht wollte ich die Grenzen etwas ausloten, und hatte mir ein paar Fuzl von Planetarischen Nebel auf die Liste gesetzt. Es war die erwartete Sucherei, quasi nach einer Nadel im Heuhaufen. Ich hatte ausgedruckte Detailkarten mit, jedoch als "Newton-Beobachter" musste ich mich immer erst mit dem spiegelverkehrten Bild im Refraktor zurechtfinden. Letztlich konnte ich all diese Dinger via "Blinking" mit dem Nebelfilter identifizieren.
Einzig NGC 6741 (Phantom Streak Nebula) war bei hoher Vergrößerung (225x) leicht länglich und somit flächig zu sehen. Alle anderen, NGC 6790, NGC 6879 und IC 4997 blieben stellar. Ob ein bischen "dicker" als die Beugungsscheibchen der Sterne war nicht festzustellen, da alle Sterne bei hoher Vergrößerung etwas diffus wirkten. Es lag aber nicht am Seeing...

Jones 1 (PK 104-29.1) ist ein durchaus härterer Brocken. Groß (ca 5.5') und mit rund 12 mag nicht sehr hell. Zum Glück ist die Helligkeit vorwiegend in zwei Bogensegmenten verteilt, somit gibt es auch für kleinere Teleskope eine Chance. Mit einem Achtzöller habe ich mich daran schon erfolgreich versucht, mit 6" Öffnung war es eine Premiere. Mit dem UHC Filter gar nicht sooo schwierig. Die beiden Bogensegmente, ein vertrauter Anblick, waren alsbald lokalisiert und sichtbar.

Der Cirrus Nebel (NCG 6960, NGC 6992/95) war bei 33x bzw. 40x mit dem OIII Filter einen Pracht! So sehe ich diese Objekte gerne! Sowohl den "Feuervogel", andere sehen einen Hexenbesen (Witch's Broom Nebula) darin, als auch den östlich davon gelegene Bogen, die "Knochenhand" oder auch "Hexenhand". Auch der dazwischen liegende dreieckige Nebelfetzen, "Pickering's Triangular Wisp", entging mir nicht.

M15 war leichtere Kost, zum Entspannen, ein herrlicher Anblick bei 150x. Die beiden Galxien NGC 185 und NGC 147 waren auch nicht schwierig. Den "Abspann" für diese Beobachtungsnacht bildete der Doppelhaufen h+χ Persei. Ein wahrer Augenschmaus!

Fazit: Der Nerius ist eine tolle Deepsky Kanone, auf jeden Fall am Preis gemessen . Er ist ziemlich frech gegen meinen exzellenten 5,7" Maksutov-Newton. Von der Bildhelligkeit her ist er voraus. 6" Öffnung, unobstruiert, das hat was für sich. Obwohl, bei Achromaten beobachtet man genau genommen nur im grünen Licht, das kostet freilich wieder ein bischen was. Im Endeffekt bleibt aber doch das hellere Bild im Nerius. Aber irgendwo muss ein Unterschied sein. Mein 5.7" Maksutov-Newton ist ja vom Preis ein ganz anderes Kaliber, und muss auch wo seine Stärken ausspielen können. Das tut er auch. Er is mit seiner exzellenten Optik bezogen auf die Kontrastleistung dem Nerius ebenbürtig, was die Deepksy Beobachtungen betrifft, und, wenn es ans Eingemachte geht, wo man im hohen Vergrößerungsbereich an kleinen Fuzeln herumklezelt, da ist der Ceravolo HD145 eine Macht, gegen die schnell kein Kraut gewachsen ist. Das "HD" steht für "High Definition" und so ist es auch. Für die "stellaren" Planetarischen Nebel hätt ich mir schon die Präzision des Ceravolo gewünscht. Da kann man flächige Objekte von reinen Beugungsscheibchen schon unterscheiden. Der Nerius ist da immer ein bissl diffus geblieben. Am Seeing ist es nicht gelegen, das war recht gut. Und, was mein Ceravolo noch gegen den Nerius voraus hat: Wenn ich den am Ende der Deep Sky Session auf einen Planeten richte, habe ich ein kontrastreiches und farbreines Bild, das feinste Farbnuancen des Planeten zeigt. Um die Planeten Performance des HD145 zu knacken, muss man schon einen exzellenten 130er APO dagegen ansetzen. Bei aller Liebe und Güte, auch wenn der Nerius beachtlich viele Details am Jupiter zeigte, da kann er nicht mithalten. Vom Gewicht her ist der HD145 auch im Vorteil, wiegt etwa nur die Hälfte des Refraktors, und kommt daher mit meiner alten SP-DX aus. Der Nerius braucht schon "Heavy Metal" drunter, sonst wird es wackelig. Dennoch, die Deepksy Beobachtungen mit dem Nerius waren mir ein Vergnügen. Bei meinen Deep Sky Objekten war niemals irgend etwas von Farbfehler zu sehen.

Howdii


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