Eine Nacht über dem Hochnebel

23. Oktober 2004, Ebenwaldhöhe

Herbst in Wien... seit Wochen nur Hochnebel, hin und wieder kurz unterbrochen von durchziehenden Fronten - wahrlich keine Gute Zeit für beobachtende Astronomen und Astrofotografen! Praktisch während der ganzen Oktober-Neumondperiode 2004 war das Wetter so. Am Freitag, den 22. Oktober 2004, war's trüb und grau wie sonst auch, sogar mit ständigem Nieseln aus der geschlossenen Hochnebeldecke. Darüber - so meint der Wetterbericht - liegt eine Kaltfront. Am Satellitenbild, das ich seit Tagen im im Auge behalte, zeichnet sich aber ab, dass die Front abzieht, zwar nur langsam und gemütlich, ab Mitternacht kann man jedoch mit klarem Himmel über der Nebeldecke rechnen!

Nach Mitternacht? Hmm, etwas anstrengend zwar, die zweite Nachhälfte zu nutzen, aber das trifft sich gut mit der Mondphase, der Mond wird erst um 1:30 untergehen, die Neumondperiode ist beinahe schon vorüber, der Mond bereits über das erst Viertel hinaus. Also, klare Sache: Wenn alle im Bett sind, zusammenpacken, rauf geht's, auf die Ebenwaldhöhe!

Praktisch jede Fahrt auf die Ebenwaldhöhe ist eine Fahrt ins Blaue, man weiß praktisch nie genau, wie der Himmel vor Ort aussieht, es bleibt selbst bei genauem Studium aller zur Verfügung stehenden Wetterprognosen immer ein Restrisiko. In diesem Fall war die Unsicherheit: Geht es sich von der Höhe her aus, über den Hochnebel drüber zu kommen, und: zieht die Front auch wirklich schnell genug ab?

Ich hatte Glück: Als ich gegen Mitternacht oben eintraf, lag die Obergrenze der Hochnebelnebeldecke nur wenige Höhenmeter unterhalb des Parkplatzes. Darüber ein prächtiger Sternenhimmel! Im Osten noch Restwolken der abziehenden Front. Geschafft! Ich war alleine oben, klar, dieses Risiko geht sonst kaum wer ein, und die zweite Nachthälfte ist sowieso immer die unbeliebtere, was für zähe Burschen eben :-) "Gesellschaft" leisteten mir jedoch einige Kühe - jetzt, Ende Oktober, immer noch auf der Weide! Die waren nur durch ein dünnes Elektroband vom Parkplatz getrennt, und kamen herbei, als sie mich bemerkt haben, um Teleskop, Auto und meine Person neugierig zu "begutachten".

Astro-Kühe
Astronomisch interessierte Kühe?

Nach einer Weile hatten sie sich sattgesehen und trollen sich davon, in irgendeine andere Ecke ihrer Weide...

Auf meine "Abschußliste" für diese Nacht standen IC 1805, der "Running Dog Nebula" in der Cassiopeia, und M45, die Pleiaden. Zwei Objekte sind für eine halbe Nacht mehr als genug. Vor kurzer Zeit habe ich meine Nikon D70 Digitale Spiegelreflexkamera umgebaut, und zwar habe ich das originale Nikon IR-Sperrfilter gegen ein "astronomiefreundlicheres" Exemplar von Baader Planetarium ausgetauscht. Dadurch wird die Kamera vor allem im Hα Bereich wesentlich sensitiver - ideal für Emissionssnebel wie IC 1805. Als Fotooptik kam der 125mm JSO Wright-Newton zum Einsatz, seines Zeichens Spezialist für große Bildfelder - in Schmidtkamera-Qualität. Als Leitrohr verwende ich meinen altbewährten Zeiss Telementor Refraktor. Das alles habe ich auf die kürzlich neu erworbenen OTE-150 Montierung aufgeladen.

So knapp über dem Nebel war die Luftfeuchtigkeit sehr hoch, die selbstgebastelte Taukappe half jedoch, die Korrektorlinse des JSO weitgehend frei von Taubeschlag zu halten. Die Durchsicht war sehr gut, und der Himmelshintergrund in allem Richtungen ziemlich finster - klar, Wien, St. Pölten, Hainfeld und andere Lichtverschmutzer lagen unter der Hochnebeldecke! Die freisichtige visuelle Grenzgröße lag bei 6.3 mag, das Seeing war sehr gut bis ausgezeichnet. Die Temperatur war mit +7°C recht erträglich.

Mit der Autoguider-Kalibration gab's leichte Schwierigkeiten, und gegen Ende einer Einzelaufnahme von IC 1805 war der Akku der D70 leer (ich hatte aber einen Ersatzakku mit dabei), ansonsten verliefen die Aufnahmeserien problemlos. Der Running Dog war schon am LCD-Display der Kamera gut zu sehen, also die Hα- Empfindlichkeit der Kamera ist jetzt gut. Die Pleiaden-Aufnahmen haben ein optisches "Feature" des JSO zutage gefördert: Schmidtgeister! Interne Reflexionen führen offenbar dazu, dass die Pleiadensterne höhen- und seitenverkehrt als schöne, verschlungene Strichfiguren dem Bild überlagert sind... Hmja, auch sehenswert, aber nicht gerade erwünscht. Das musste ich nachträglich händisch herauskorrigieren.

IC 1805 M45
Digitale Astrofotos:
Running Dog Nebula IC 1805(links), hier kombiniert mit einer späteren Aufnahme, und die Pleiaden M45 (rechts) - alle Aufnahmen mit dem 4.9" JSO Wright-Newton

Spezialisten werden sich fragen, wo die vielen Farbnuancen in IC 1805 herkommen, nun, ganz unrealistisch sind sie nicht. Wenn man z.B. eine mit Schmalbandfiltern gewonnene Aufnahme von Richard Crish heranzieht: http://www.rdcrisp.darkhorizons.org/ic1805_s2hao3_page.htm, oberes Bild, und die Farben gelb (=[SII]+Hα) -> reines rot, grün (=Hα) -> violettes rot und blau (=[OIII]) -> schwaches blau übersetzt, kommt in etwa meine Aufnahme dabei raus.

Gegen 6 Uhr begann die Dämmerung mit recht schönen Farben. Die Planeten Saturn, Venus und Jupiter waren zu sehen, hier eine Aufnahme vom Parkplatz aus in Richtung Osten, die Venus und Jupiter zeigt:

Morgenhimmel mit Venus und Jupiter
Morgenhimmel mit Venus und Jupiter, 6:20 MESZ.
Venus ist hier das hellste Himmelobjekt, Jupiter steht links unten im Bild, die Sterne darüber gehören zum Löwen.

Nachdem ich die Ausrüstung im Auto verstaut hatte, hieß es Abschied nehmen von klaren Himmel, zurück unter den Nebel. Beim Bauernhof, der an der Bergstraße liegt, gab es einen schönen Ausblick auf die umliegenden Hügeln und auf die Nebeldecke, den ich auch noch fotografiert habe.

Ausblick über dem Nebel
Ausblick über dem Nebel
Jupiter (Zentrum) und der Stern Arkturus (links) stehen am Osthimmel.

Es war ein schönes Erlebnis und ein Ausbruch aus dem herbstlich- trüben Wiener Nebelwetter. Mit dem JSO Wright-Newton und der Digitalkamera habe ich noch einiges vor, hoffentlich spielt auch das Wetter bald wieder mit!

Walter


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