Test: Zwei Sechszoll Refraktoren im Vergleich

Bresser 152/1200 versus Astro Professional 152/900

So manche Teleskope gehen durch meine Hände. Selten trifft es sich, dass ein so interessanter Vergleichstest zustande kommen kann. Generell: Diese Sechzoll Refraktoren richten sich primär an visuelle Beobachter, vorwiegend Deepsky Beobachter. Also solche sind sie großartige Teleskope, leider unterschätzt und vielfach als "Farbwerfer" verspottet.

Ein paar Worte zu den beiden Refraktoren: Der 152/900 firmiert unter mehreren Labels. Voriges Jahr im Herbst durfte ich mit einem "Tele Optik Nerius" beobachten, letztendlich ein baugleiches Teleskop, nur mit einem schwarzen Tubus. Auch als "Individual" unter dem TS Label gibt es diesen 152/900, mit weißem Tubus. Der Bresser 152/1200 hat wiederum einen Konterpart als Skywatcher, mit denselben optischen Eckdaten, jedoch ist es ein anderes Teleskop, kein baugleicher Zwilling. Was für den Bresser optisch gilt, ist allerdings auch vom Skywatcher zu erwarten.

Beide Refraktoren sind Zweilinser, Achromate mit Luftspalt nach Fraunhofer. Der 152/1200 ist sicher ein ganz normaler, traditioneller Achromat. Er versteht sich als Allrounder, also will auch im höheren Vergrößerungsbereich noch etwas anbieten. Durchaus auch für die Mond- und Planetenbeobachtung. Der 152/900 versteht sich in erster Linie als Großfeld Refraktor, und sicher lassen sich mit nur 900 mm Brennweite weitere Gesichtsfelder erreichen als mit 1200 mm Brennweite. Dennoch will auch der 152/900 im höheren Vergrößerungsbereich mitmischen. Also demnach ist die Zielrichtung nicht gar so unterschiedlich. Nun: Dass ein 152/1200 Achromat einen nicht zu übersehenden Farbfehler aufweist, ist klar. Ist das nicht beim 152/900 dann noch schlimmer? Der 152/900 wird als Achromat mit verringertem Farbfehler beworben. Wir gehen dieser Sache im Test genauer nach...

Der Bresser 152/1200 Refraktor, hier auf der iOptron ieq45, das Stahlstativ ist voll ausgefahren. Der 8x50 Sucher ist im Lieferumfang dabei.

Der Astro Professional 152/900 Refraktor auf der iOptron ieq45, auch hier muss man das Stativ voll ausfahren. Der 9x50 Winkelsucher ist nicht im Lieferumfang enthalten.

Der Bresser 152/1200

Der Tubus des Bresser 152/1200. Die blaue Decke dient dem Größenvergleich (siehe Bild weiter unten)

Vor etwa 10 Jahren durfte ich einen Meade 6" f/8 Refraktor testen. Äußerlich sind durchaus noch Ähnlichkeiten zu dem damals getesteten Teleskop erkennbar: Vom einfachen Zahnstangenfokussierer angefangen über den Handgriff zum Führen des Teleskops auf der Montierung, den proprietären Sucherschuh und Sucher, den Rohrschellenkäfig mit Prismenschiene (alles Alu Guss) bis zur aufgesteckten Taukappe ist alles gleich, nur hier ist alles in Weiß gehalten. Neu ist beim Bresser ein Tragegriff, der ist auch wirklich willkommen.

Der Zahnstangen Fokussierer ist etwas schwergängig, er muss ja auch die Last eines Zenitspiegels mit einem "fetten" 2" Okular bewältigen können. Das tut er auch ohne Probleme, jedoch ist es ein wenig mühsam, im sehr hohen Vergrößerungsbereich damit zu fokussieren. Der 2" Zenitspiegel wird mit 3 Schrauben geklemmt, nicht direkt, sondern über einen Messingring. Der Reduzieradapter auf 1,25", ebenfalls mit Ringklemmung, weist ein T2 Gewinde auf. Damit baut dieser Adapter höher, und so kann es für div. 1,25" Okularen knapp werden beim Fokussieren. Ich habe zumeist den flachen Reduzieradapter des 2" Zenitspiegels benutzt. Für fotografische Zwecke kann der Auszug geklemmt werden. Eine Millimeterskala am Fokussierer gehört offenbar heute zum "guten Ton". Jedenfalls für meine Tests war sie hilfreich.

Der Fokussierer des Bresser 152/1200

Werksseitig kommt die Prismenschiene mit einer angeschraubten Edelstahl Auflage. Dieses Blech soll die lackierte Schiene vor Klemmspuren schützen. Damit hat die Prismenschiene aber "Überbreite" und passt so nicht in eng dimensionierte Schienenaufnahmen. Ich musste für meine Zwecke dieses Schutzblech abmontieren.

Der Sucherschuh war für meine Begriffe verkehrt montiert. Vielleicht hat sich der Monteur gedacht, dass der Sucher von vorn eingeschoben nicht heraus fallen kann. Aber da der Sucher nicht beliebig in den Sucherhalter eingesetzt werden kann, wären dann die Justierschrauben eher mühsam zu bedienen, weil am vorderen Ring. Der Bresser hält seinen Sucher mit zwei Ringen, an einem Ring sind einfach drei Kunststoff Justierschrauben, am anderen Ring gibt es zwei Kunststoffschrauben, eine Schraube ist durch eine Feder ersetzt. Ich habe den Sucherschuh nun so montiert, dass man den Sucher von hinten einschieben kann, dafür sind die eigentlichen Justierschrauben mit der Feder nun auch hinten. Der Sucherhalter wird im Sucherschuh mit zwei Kunststoffschrauben geklemmt. Immerhin geht der Sucher justierkonstant drauf. Einmal justiert passt die Sache. Auf die ganzen Kunststoffschrauben muss man achtgeben, sie können leicht abbrechen.

Der Tubus war verkehrt in die Rohrschellen eingesetzt. Der Tragegriff am Rohrschellenkäfig ist asymmetrisch montiert, das ist auch richtig so. Nur sollte er, wenn die Rohrschellen so sitzen, dass der Tubus auf der Montierung in Balance ist, dann beim Tragen des Tubus diesen auch in Balance halten. So wie es hier auf dem Foto zu sehen ist, passt es. Ich habe der 2" Prismenschiene nach den ersten Tests eine Adapterschiene auf 3" übergezogen, damit sitzt dieser "Prügel" von Teleskop doch deutlich stabiler im großen Sattel der Montierung. Witzig ist: Damals wie heute wird dieses Teleskop auf einer Montierung der GP Klasse angeboten. Also diese Kombi ist wirklich nicht empfehlenswert, es braucht für diesen Refraktor schon eine kräftigere Montierung. Meine iOptron ieq45 ist es durchaus, nur ist das voll ausgefahrene Stahlstativ schon grenzwertig. Ein gutes Holzstativ wäre wünschenswert.

Der Frontdeckel ist aus Kunststoff und wird einfach aufgesteckt. Die Taukappe (Kunststoff) ist sehr kurz, und ist auch nur aufgesteckt. Sie hält eigentlich nur so, weil sie sich an den Justierböcken des Objektivs abstützt. Ohne Not sollte man die Taukappe auch nicht abnehmen, weil man innen sonst unschöne Schneckenspuren der streifenden Justierböcke hat.

Das Objektiv ist justierbar, die Distanzplättchen sind sichtbar, und das ganze Objektiv ist einfach mit vier Schrauben seitlich am Tubus befestigt. Die Schrauben sind allerdings ganz kurz und ragen nicht in den Strahlengang. Die Linsen des Objektivs sind mehrfach vergütet. Wenn man vorne in den Tubus schaut, sieht es "uneitel" aus. Keine Beschriftung am Rand der Objektivfassung. Die Daten der Optik verrät ein Aufkleber am Tubus.

Das Objektiv des Bresser 152/1200 Refraktors

Der Astro Professional 152/900

Der Tubus des Astro Professional 152/900. Die Taukappe ist hier ausgefahren

Der Astro Professional wartet mit einer deutlich hochwertigeren Tubusmechanik auf. Es gibt einen 3" Fokussierer mit diversen Hilfsgewinden, eine Reduzierung auf 2" und den obligaten Adapter von 2" auf 1,25". Die ganze Fokussierer Einheit ist rotierbar. Der Sucherschuh kann auf dem Fokussierer montiert werden. Man wird die ganze Einheit so drehen, dass der Sucher "klare Sicht" hat und nicht der Nase beim Beobachten im Weg ist. Der Zenitspiegel ist extra drehbar, man braucht dazu nur die eine Klemmschraube am Rändelring lösen und wieder festziehen. Der Fokussierer arbeitet nach dem Crayford Prinzip und weist ein Untersetzungsgetriebe auf. Freilich leidet der schwere Fokussierer schon unter seinem hohen Eigengewicht. Er muss relativ streng eingestellt sein, damit die Last (Zenitspiegel mit schwerem 2" Okular oder gar eine Kamera) auch ohne Durchrutschen gehalten werden kann. Die Untersetzung ermöglicht dennoch feines Fokussieren. Und selbstverständlich hat dieser Fokussierer eine Millimeterskala. Optisches Zubehör wird mit Ringklemmung gehalten, der Fokussierer ist freilich auch in jeder beliebigen Position arretierbar.

Der Fokussierer des Astro Professional 152/900

Die beiden CNC gefrästen Rohrschellen sind mit der Schiene und an der Oberseite mit dem Tragegriff verbunden. Das ergibt einen stabilen Verbund. Alles aus dem Vollmaterial gefräst, keine Gussteile. Die kurze Taukappe (aus Metall) ist einziehbar, damit ergibt sich ein sehr kompaktes Transportvolumen. Der Frontdeckel wird geschraubt, nicht einfach nur aufgesteckt.

Hier der 152/900 mit eingefahrener Taukappe, neben dem 152/1200 - deutlich kompakter für den Transport, aber die beiden Refraktoren sind etwa gleich schwer (ca. 11 kg)

Das Objektiv ist "voll justierbar". Das heißt, nicht nur per Zug-/Druckschrauben am Flansch justierbar, die Linsen sind auch seitlich zentrierbar. Nun ja. Man kann das sehen wie man will. Es ist eher die neue Unsitte im Refraktorbau "generische" Linsenfassungen zu fertigen, die Optiker sollen die Linsen halt rein justieren, gibt ja die Schrauben dazu... Wirklich gut ist diese Lösung nicht, aber um diese Objektivbauart kommt man heute fast nicht mehr herum, es sei denn man geht ins Hochpreissegment der Refraktoren, das sind dann aber Apochromate. Ein Sechszöller wird dann nahezu unbezahlbar.

Das Objektiv des Astro Professional 152/900 Refraktors

Die beiden Refraktoren im Optik Test

Bei beiden Refraktoren ist mir schon bei den ersten Beobachtungstests eine feine Performance aufgefallen. Das zeigt sich gleich einmal, wenn man mit einem guten Okular bei niedriger Vergrößerung fokussiert: sicher ist der Farbfehler um helle Sterne nicht zu übersehen, jedoch nadelfeine Sterne über das gesamte Feld, das ist es, was gute Refraktoren zeigen sollen. Auch bei hoher Vergrößerung um 200x herum zeigen beide Optiken feine Sterne, das heißt, sauber definierte Beugungsscheibchen. Da gibt es nichts herumzudeuteln wo der beste Fokus sei, zack, dies ist er, leicht daneben ist unscharf. Ich war auf eine detailliertere Auswertung schon sehr gespannt.

Der 152/900 hat neben dem "steileren Lichtkegel", der ins Okular einfällt, auch eine stärkere Bildfeldwölbung. Daher sind für die wirklich weiten Himmelsfelder (leider teure) astigmatismuskorrigierte Okulare anzuraten. Mein 27 mm Panoptic ist da fast schon an die Grenzen gekommen. Der 152/1200 hingegen ist "entspannter" in dieser Hinsicht, da hat ein weniger komplexes und preislich noch halbwegs günstiges 2" Weitwinkelokular mit 35 mm Brennweite noch akzeptable Offaxis Performance gebracht. Das sollte man halt auch dazusagen.

Natürlich kommt man derart "bunten" Refraktor Optiken im Startest nicht so einfach bei. Dazu braucht es schon diverser Hilfsmittel. Rot-, Grün- und Blaufilter, und vor die Linse wird mit Fäden eine Kartonscheibe gespannt, die eine Obstruktion von 33% verursacht. Auch ein Ronchi Okular habe ich für meine Auswertungen bemüht, aber eher zum Spaß. Ich traue dem Startest mehr.

Fazit: Beide Optiken sind im grünen Licht sphärisch sehr gut korrigiert, im roten Licht weisen sie eine Unterkorrektur von etwa λ/4 auf, im blauen Licht ist bei beiden sehr wenig zu erkennen, da mischen sich die Blautöne, es schaut nach "Waschblau" aus. Beim Bresser trotz der längeren Brennweite mehr als beim Astro Professional, der hält irgendwie das kurzwellige Ende des Spektrums etwas besser zusammen. Das Ronchi Okular hat bei beiden Optiken im Blauen eine deutliche Überkorrektur angezeigt, das war auch so zu erwarten.

Ganz interessant ist das Thema Farbkorrektur. Bei niederer Vergrößerung zeigt ein heller Stern (im Test war es die Vega im Sternbild Leier) in beiden Optiken einen leicht gelblichen Stern. Beim 152/1200 Bresser sieht man einen blauen Halo um den Stern, ein bisschen Rot funkelt direkt am Stern auch hervor, und einen großen praktisch farblosen Streulichthof. Nun ja, das erstaunt nicht, das ganze unfokussierte Licht geht beim Achromaten hin wo es will. Beim 152/900 Astro Professional funkelt mehr Rot am Stern hervor, dann folgt der blaue Halo, vielleicht etwas kompakter als beim längeren Bresser, und auch hier gibt es einen großen Streulichthof, der aber auch etwas kompakter erscheint als im 152/1200. Also der 152/900 Refraktor ist in dieser Hinsicht sicher nicht schlechter als der längere 152/1200 Achromat. Bei hoher Vergrößerung sieht man in beiden Optiken ein gelbliches Beugungsscheibchen, beim Bresser hat das Beugungsscheibchen einen zarten roten Rand, beim Astro Professional einen ausgeprägten roten Rand. Dann folgt ein tiefblauer Halo, der beim Bresser vielleicht einen Tick intensiver ist als beim Astro Professional. Der große Streulichthof ist nun bei beiden nicht mehr sichtbar, er ist so lichtschwach, dass er unter die Wahrnehmungsgrenze gedrückt wird.

Kommen wir zum sog. Sekundären Spektrum. Das ist die Distanz zwischen dem visuellen Fokus im grünen Licht (nach Fraunhofer die e-Linie) und dem gemeinsamen Rot/Blau Fokus (C- und F-Linie). Bei normalen Achromaten ohne Sondergläser beträgt diese Distanz 1/2000 der Brennweite. Das wäre für den 152/1200 Bresser 0,6 mm, für den 152/900 Astro Professional 0,45 mm. Beim Bresser kommt das (nur geschätzt anhand der Millimeterskala des Fokussierers) gut hin. Auch beim Astro Professional bin ich etwa auf knapp einen halben Millimeter gekommen. So ganz genau lässt sich das mit der Millimeterskala nicht ablesen. Also auch da kämen wir auf dieses 1/2000 der Brennweite. Nun, wie kann der kürzer bauende Refraktor aber den Blau und Violett Anteil eine Spur besser im Griff haben als der Bresser mit 30cm mehr Brennweite? Es gäbe prinzipiell die Möglichkeit, den gemeinsamen Rot bzw. Blau Fokus weiter an das jeweilige Ende des Spektrums zu schieben. Das würde einerseits den intensiveren roten Sternenrand erklären, andererseits würde dadurch aber das Sekundäre Spektrum vergrößert. Und das ist wohl nicht im Sinne des Erfinders, wenn man den Farbfehler reduzieren will. Nimmt man hingegen ein "LD" (low dispersion) Glas, eines mit leicht anormaler Farbdispersion, kann man den Blauanteil besser korrigieren und könnte sich es auch leisten den Rot/Blau Fokus weiter an die Enden zu schieben, um dennoch mit einem Sekundären Spektrum von 1/2000 der Brennweite rauszukommen. Im Endeffekt hätte man einen reduzierten Farbfehler. Und um mit 30cm weniger Brennweite eine mindestens gleichwertige, sogar fast bessere Farbkorrektur zu schaffen, muss man schon zu Tricks greifen. Eines steht fest, Zauberei gibt es nicht, meine Vermutung ist nach wie vor die, dass es da nicht mit ganz normalen Gläsern zugeht. Ein anderer "Trick", den ich bei einem älteren 150/750 Refraktor gesehen habe, im Grünen einfach eine höhere sphärische Aberration zulassen, dann fokussiert der Beobachter automatisch weiter hinten, den besten Fokuskompromiss suchend, und reduziert damit automatisch den Anteil des unfokussierten Lichtes. Das ist aber sicher nicht der Fall, der 152/900 ist im grünen Licht, wie gesagt, sehr gut korrigiert.

Also bis auf den systembedingten Farbfehler kann man den beiden Refraktoren nicht viel vorwerfen. Oder doch? Ja, eine Kleinigkeit ist es: beide zeigen leichte Achskoma, beim Bresser konsistent, beim Astro Professional bisweilen sauber definierte Beugungsscheibchen mit konzentrischen Ringen. Ein Indiz auf leicht wandernde Linsen, vielleicht auch lageabhängig. Jedenfalls ist das Beugungsscheibchen selbst bei beiden Refraktoren immer rund und nicht komatisch deformiert, damit ist die Performance eigentlich nicht wirklich arg gestört. Mit solchen leichten Dezentrierungen der Linsen muss man in diesem Preissegment (beide liegen unter 1000 Euro, der Bresser ist deutlich billiger als der Astro Professional) rechnen. Es ist mehr ein Schönheitsfehler. Ganz tolle Planetenrohre sind beide schon aufgrund des Farbfehlers nicht, aber man kann zumindest mit dem Bresser, mit dem ich es schon getan habe, im sehr hohen Vergrößerungsbereich an heikle Deepsky Beobachtungsaufgaben rangehen, also da wo ordentlich gekletzelt wird... Den Astro Professional habe ich aber auch bis zumindest 225x gezogen und eine sauber definierte Sternabbildung gesehen. Kurz gesagt, diese getestete 152/900 Optik ist besser als die des Nerius, den ich letzten Herbst in der Hand hatte. Das mag Streuung in der Produktion sein. Auch beim Bresser mag es sein, dass ich vielleicht ein sehr gutes Exemplar erwischt habe, aber das halte ich für unwahrscheinlich. Ich bin es gewohnt, immer die "Gurken" zu ziehen ;-) Es müsste schon eine Ausnahme von der Regel sein.

Die beiden Refraktoren in der Praxis

Visuelle Beobachtung: Austemperieren ist für diese Optiken kein großes Thema. Sicher hat ein Sechszoll Refraktor schon eine größere Glasmasse als ein Vierzöller, aber die Linsen sind immer noch relativ dünn im Vergleich zu einem Spiegel. Zudem sitzen die Linsen am oberen Ende des Tubus, und das Licht muss beim Refraktor eben nur einmal durch das Rohr. All das führt dazu, dass man auch einen zweilinsigen Sechszoll Refraktor einfach auf die Montierung setzt und spechtelt. Von Beginn weg wird man eine brauchbare Abbildung finden. Meist verbringt der Refraktor sowieso schon einige Zeit in der kühleren Nachtluft bis man endlich so weit ist, mit der Beobachtung beginnen zu können. Selbst bei harter Temperaturdifferenz von der Lagerungs- zur Außentemperatur der Nacht ist sicher keine Stunde Wartezeit notwendig. Das ist ja das Schöne am Refraktor, man kann auch ohne große Vorbereitungszeit und Planung schnell entschlossen beobachten.

Die Taukappe ist bei beiden Refraktoren eher nur ein Streulichtschutz. Zu kurz, um in sehr feuchten Nächten, wie es sie manches Jahr zahlreich gibt, wirksamen Tauschutz zu bieten. Aber in diesem Fall kann man sich leicht selber behelfen. Gut ist wiederum beim Refraktor, dass er im Beobachtungsbetrieb die "Nase" hoch über dem Boden hat, und auf diese Weise dem sog. Bodenseeing "entkommt". Eine längere Taukappe würde auch in dieser Hinsicht eine nochmalige Verbesserung bieten. Anmerkung: Bodenseeing entsteht durch den relativ starken Temperaturgradienten knapp über dem Boden. Vom Boden bis in 2 Meter Höhe kann die Temperatur bis zu fünf Grad abfallen. Ein leichter Windhauch reicht, um diese thermisch unhomogene Luftmasse "durchzurühren", was unweigerlich zu Schlierenbildung führt. Auch der Körper des Beobachters ist ein "Strahler", der sich manchmal ungut bemerkbar machen kann. Ein langer Refraktor, hoch thronend, ist am ehesten von alldem unberührt. Sind solche Spitzfindigkeiten angesichts des starken Farbfehlers dieser Refraktoren überhaupt zweckmäßig? Doch, doch, weil eine gute Optik erlaubt es, im hohen Vergrößerungsbereich zu operieren. Beide Refraktoren spielen mit, also ist das für manche Beobachter sicher ein Thema, für mich allemal.

Wie schon weiter oben erwähnt, muss bei beiden Refraktoren das Stativ weit ausgefahren werden. Dadurch wird die Stabilität natürlich beeinträchtigt. Zudem sitzt auf der Montierung ein recht schweres Teleskop mit einem beträchtlichen Hebel. Gar so kurz ist der auch beim Astro Professional nicht. Der Fokussierer muss gut 5 cm ausgefahren werden, dann kommt noch der 2" Zenitspiegel dazu. Der Bresser ist natürlich noch etwas länger, im Beobachtungsbetrieb aber nur rund 20 cm. Bei Beobachtungen im Zenitbereich sitzt man sehr tief. Hingegen könnte man bei Beobachtungen im Horizont nahen Bereich sogar stehen, sitzen ist angenehmer. Man dreht dazu den Zenitspiegel so, dass man seitlich einblicken kann. Dann sitzt man allerdings relativ hoch. Ein normaler Sessel ist von der Sitzhöhe her irgendwo zwischen den beiden Extrempositionen. Es bedarf einer Sitzgelegenheit mit höhenverstellbarer Sitzfläche. Schließlich geht nichts über eine bequeme Körperhaltung bei der Beobachtung.

Fotografie? Nun, einfach einen Farbsensor verwenden bringt sicher keine tollen Ergebnisse. RGB gefilterte Aufnahmen werden schon deutlich besser sein, aber so richtig toll wird es mit Schmalbandfilter Technik. Deepsky, versteht sich. Gasnebel. Da ist vor allem der 152/900 interessant. Hier darf ein solches Foto, man könnte schon Kunstwerk sagen,  bewundert werden:
http://www.skytoa.it/nebulose_ced_214_falsicolori.html. So gesehen ist der 3" Fokussierer nicht nur ein teuer zu zahlender "Gag".

Alles in Allem hat mir die Beobachtung mit beiden Refraktoren Spaß gemacht. Der Astro Professional 152/900 ist schon in Kundenhand, der Bresser 152/1200 wird mir als Vorführer noch ein Weilchen zur Verfügung stehen. Ich habe damit schon etliche heikle Beobachtungen im Deepsky Bereich gemacht, werde noch intensiver dran gehen, und freilich warte ich auch auf Jupiter und den Mond bei gutem Seeing. Farbfehler ist nicht alles.

Howdii


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