Kurztest: Lacerta 72/432 ED Refraktor

Prolog

Testgegenstand ist gebrauchter Lacerta 72/432 FPL-53 ED Zweilinser, in praktisch neuwertigem Zustand. Vom Vorbesitzer her ist im Paket dabei: ein 0.85x Reducer mit passender Distanzhülse und Canon T2 Ring, ein Skywatcher Sucherschuh ist auf dem Refraktor appliziert. Dieses Linsenzwergerl hat einen als 2" Prismenschiene ausgeführten Fuß, zum Klemmen auf einer Astromontierung ist der aber ein wenig zu kurz. Deswegen wurde eine ausreichend lange 2" Prismenschiene mittels 1/4" Fotogewinde Schraube adaptiert. Ein 3/16" Inbusschlüssel zur Montage/Demontage liegt bei. Der Fokussierer ist rotierbar, allerdings steht die Klemmschraube an dem montierten Sucherschuh an, und blockiert eine volle Rotation. Wirklich schlimm ist das nicht. Nur erwähnenswert.

Die Taukappe des Refraktors ist nicht sehr lang, ein besserer Streulichtschutz. Sie ist einziehbar, wodurch sich ein kompakteres Transportmaß (33 cm) ergibt. So passt der Refraktor in den kleinen im Lieferumfang begriffenen Alukoffer. Als besseren Tauschutz gibt es vom Vorbesitzer eine aus Isomatte gefertigte Taukappenverlängerung.

Der Lacerta Refraktor in seinem Koffer. Platz für div. Zubehör ist gegeben. Hier liegt der 0.85x Reducer drin, und man erkennt den zölligen Inbusschlüssel.
Daneben steht die Isomatte Taukappenverlängerung.

Der Refraktor ist mit einem 2" Octo Fokussierer ausgestattet. Konktret ist das ein von acht Kugellagern geführter Auszug, der per schrägverzahntem Trieb verstellt wird, mit 1:10 Untersetzung versehen. Der Fokussierer ist ein feines Stück, das steht fest. Hier entfällt die Einstellung des Anpressdrucks wie bei einem Crayford, es gibt einzig eine Schraube um den Fokussierer zu fixieren.

Der Lacerta Octo Fokussierer. Man erkennt hier die Schrägverzahnung.

Das Objektiv des kleinen Lacerta ED Refraktors. Selbstbewusst nennt es sich "APO". Steht gleich zweimal drauf. Ob's wahrer wird?

Was darf man von der Optik erwarten? Es ist ein ED Zweilinser, multi-coated. Die Glaspaarung ist laut Lacerta FPL-53 und NBM-51. Damit soll die bestmögliche Farbkorrektur gegeben sein. Was immer das heißen mag, der Startest wird's zeigen. Die Innenblenden im Tubus sind korrekt ausgelegt, was man beim Blick von hinten durch das Teleskop sehen kann.

Erstes Anschnuppern

Die Wolken können einen narren. Am 18. Juni 2016 sah es tagsüber gut aus, ein wunderschöner Frühsommertag mit toller Fernsicht. Gegen Abend kamen von Süden her Wolken immer näher. Es war abzusehen, das wird keine klare Nacht. Doch dann, wo bleiben die Wolken? Die haben sich aufgelöst. Zum Aufbau war es mir jetzt schon zu spät, und die Unsicherheit war, dass es doch noch Wolken weiter rauf schaffen würden, Nachschub war am Satbild zu sehen. So schnappte ich kurzerhand den kleinen ED, stopfte einen 1,25" Zenitspiegel und ein 15mm Plössl Okular in den Auszug, und ging damit raus in die milde Nacht. Aufgestützt konnte ich damit den Mond bei fast 30x sehen. Was mir sofort gefallen hat: Da gibt es kein Raten wo scharf ist, der Fokus schnappt förmlich ein. Soweit ein erster sehr positiver Eindruck. Dass der Mondrand bei dieser niedrigen Vergrößerung ohne Farbrand gezeigt wurde, hätte ich auch so erwartet.

Startest

Am 22. sah es lange nach der angekündigten klaren Nacht aus. Andi Berthold kam etwa um 21 Uhr zu mir. Da gab es auf einmal Wolken am Himmel. Naja, Abend Thermik, das geht schon weg, wenn es kühler wird. Aber nein, statt weniger, wurden die Wolken immer mehr. Irgendwann sah es doch wieder nach weniger Wolken aus, vom Zenit bis in den Süden war der Himmel frei, im Norden gab es Wolken. Wir beschlossen, aufzubauen. Doch während wir raus gingen, entwickelten sich wieder mehr Wolken, und auf einmal, wie Stativ und Montierung aufgebaut waren, gab es einen bedeckten Himmel. Es entwickelte sich eine zähe Partie. Irgendwie schaffte ich es, durch Wolkenlücken, die es hin und wieder gab, den Polarstern im Polsucher zu erspähen, so gelang einmal die Poljustierung.

Weitere Wolkenlücken gaben erst mal Arktur immer wieder frei, also los und drauf mit meinem 4mm Zeiss Abbe Okular. Ein kompakter, dunkelvioletter Halo um einen sauber abgebildeten Stern mit Beugungsringen, das bekam ich zu sehen. Dann intra- /extrafokaler Vergleich: Ja, das ist klar ersichtlich ein Zweilinser. Ein Hauch von Unterkorrekur ist erkennbar. Das Ronchi Okular zeigte gerade Linien, da war keine merkenswerte Krümmung vorhanden. Wie schon gesagt, der Fokus ist gut definiert, man sucht nicht, sondern stellt scharf. Das Ding ist knackig, klare Sache.

Der Himmel gab nun auch Wega immer wirder frei. Da war der Farbfehler etwas deutlicher zu sehen, aber wie schon angedeutet, sonst kann ich der Optik nichts nachsagen. Kein Pinching, Astigmatismus kann beim Austemperieren temporär auftreten, das wird man bei jedem Refraktor so finden. Justierung und Zentrierung perfekt, keine abgesunkene Kante, nichts. Bis auf den doch merkbaren Farbfehler ist diese Optik als exzellent zu bezeichnen.

Die Wolkenlücken wurden mehr, es gelang mir noch M57 und M13 zu sehen. Na sensationell kann das nicht sein, vielleicht gibt es doch noch dünne Wolkenreste, die man mit so gar nicht sieht, und ja, Mond am Himmel, ein paar Tage nach Vollmond ist die Himmelsaufhellung nicht anders als bei Vollmond. Aber ε Lyrae (Double Double) war dafür wie aus dem Lehrbuch. Sehr saubere, feine Abbildung, und bei diesen schwächeren Sternen auch ohne Farbfehler. Das war wirklich sehenswert.

Der Lacerta 72 ED Refraktor auf meiner iOptron ieq45, in visueller Konfiguration. bereit für den Startest.
Die Taukappenverlängerung gehört zum Paket des Refraktors. Sucher, Zenitspiegel und Okular habe ich für den Test beigestellt.


Fototest

Der Himmel riss nun doch auf, wir rüsteten sofort auf fotografische Anwendung um. Statt Zenitspiegel und Okular kam der 2" 0.85x Reducer samt Kamera (meine Canon 1000D) dran. Das Okular des Suchers musste der Guider Kamera weichen. Alle Kabel verbinden, Leitstern suchen, kalibrieren, und los geht's. Erster Testshot auf Wega und Umgebung, 6 Sekunden. Ja, man sieht halt ein bissl auch hier einen blauen Saum. Der anflugsweise sichtbare Lichtausbruch ist thermisch bedingt. Wir waren unter Druck, weil im Westen schon neue Wolken herangezogen sind, und wenn auch die Optik des Refraktors vielleicht schon austemperiert war, der Reducer war's noch nicht, und kann auch Thermikeffekte einbringen.. Sonst - saubere Abbildung über das gesamte Feld.

Der Lacerta ED im Fototest. Man sieht hier die Canon 1000D und den Reducer.

Wega und Umgebung, 6 Sekunden Einzelbild (ISO 800). Man sieht einen Anflug von Blausaum um Wega. Der Lichtausbruch nach rechts unten ist thermisch bedingt. Die Sternabbildung im Feld ist sehr gut.

Wir hielten nun mit der Kamera auf M27. Den haben wir knapp über dem Hausdach erwischt. Da war die Wärmeabstrahlung merkbar, der Guider hatte merklich zu kämpfen. Das zweite Bild verlieft vom Guiding her schon wesentlich ruhiger. Bei Mondhimmel darf man sich keine tollen Bilder erwarten. Es geht um die Abbildungsqualität. sonst nichts.

M27 mit viel Umgebung, Canon EOS 1000D, ISO 200, 5 + 3,5 Minuten addiert. Auf das Bild klicken, damit geht's zu einer größeren Ansicht.
Mit dem Reducer am Lacerta 72 ED geht es in den Bereich von Teleobjektiven. Resultierende Brennweite ist 367mm bei f/5.1

M27 - ein Ausschnitt in voller Auflösung. Die Sterne sind etwas dick, durch die Wärmeabstrahlung knapp über dem Hausdach

Die Abbildung über das Feld ist mit dem 2" 0.85 Reducer fein. Vignettierung ist deutlich merkbar Ohne Flatfield Technik ist hier wenig zu wollen, zu gepflegten Aufnahmen gehört sie aber sowieso. Der Gradient im Himmelshintergrund ist dem Mondlicht geschuldet. Man hätte das auskorrigieren können, sogar die Vignettierung rausrechnen. Ich wollte die Aufnahme aber so unbearbeitet wie nur geht zeigen.

Wir hielten aus Spaß noch auf den Nordamerikanebel drauf. Was will man da bei Mondlicht, kann man sich fragen. Es ist doch erstaunlich, was sich rausholen ließ. Aber ja, ein supertolles Bild ist es nicht, zudem Satellitenspur drüber, und halt verrauscht, bei so wenig Belichtungszeit. Aber auch auf diesem Bild überzeugt die Abbildung der Sterne im Feld, und der ganze Nordamerikanebel ist drauf, einigermaßen formatfüllend. Wenn man den Bildausschnitt richtig wählt, geht sicher Nordamerikanebel und Pelikannebel drauf.

Diesen Test haben wir dem Himmel abgetrotzt. Irgendwie haben wir alles in trockene Tücher gebracht. Die Bewölkungssituation für den Rest der Nacht war uns damit egal. Nachschub war gegeben.

Fazit

Der kleine Lacerta 72 ED Refraktor ist ein feines, scharfes Ding. Visuell ist nur ein bisschen Farbfehler anzukreiden, sonst nichts. Genau deswegen sage ich aber nicht APO dazu. Wer schaut schon viel durch einen 72mm Refraktor? Das Revier dieser Optiken ist klar die Fotografie. Und hier überzeugt der Lacerta. Sicher auch mit einem 2" Flattener, wo die volle Brennweite von 432mm bei f/6 (eh schon nicht viel) erhalten bleibt.

Howdii


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