Vierzöller im Vergleich

Zeiss AS 100/1000 versus TS Individual 102/1100 versus Celestron Fluorit 102/900

Der 102/1100 Refraktor ist eines meiner Lieblingsteleskope. Das sage ich rundheraus. Seit dem ersten "Anschnuppern" konnte ich mich immer wieder von der außerordentlichen Leistungsfähigkeit dieser Optik überzeugen. Das verleitete mich zu einer kühnen Ansage: Mit dem trete ich jederzeit gegen einen legendären Zeiss AS 100/1000 an. Solange man den Beweis nicht erbringen muss, lebt sich's ja fein...

Um alte Zeiss Teleskope ist ein Riesen-G'riss. Zeiss waren teuer, sauteuer, man wusste aber, wenn man ein Zeiss Teleskop kauft, hat man eine sehr gute Optik in der Hand. Dadurch hatte Zeiss auch einen Ruf, der heute noch legendär ist. Der Sammlerwert ist extrem hoch, was da abgeht, in dieser Szene...  Ich persönlich fange mit so etwas nichts an. Wenn, will ich durch ein Fernrohr durch schauen. Es kam so, dass sich ein befreundeter Sterngucker als ein klein bisschen "zeisskrank" erwiesen hat. Aber da gibt es zum Glück eben die Zeiss nicht  nur zum Anschauen. Dort steht nun ein AS 100/1000, von dem ich schon gehört habe, dass er unheimlich scharf sei. Dass es zum Match mit dem 102/1100 kommen würde, war somit nur eine Frage der Zeit.

Am 2. Juni kam ein Anruf, ob ich heute Abend was vor hätte. Noch nicht, somit kurzerhand die Fahrt nach Wien geplant. Andi habe ich gefragt, ob er Zeit und Lust hätte, mit zu kommen. Also ja, den 102/1100, die iOptron ieq45, Stativ, Akku, Zubehör, ins Auto, bei Andi vorbei, und wir tuckerten Richtung Wien. Unser Weg führte uns in den Westen Wiens. Dort angekommen, mussten wir unser Zeug in den Garten schleppen, aber zu dritt, wenn jeder was schnappt, geht es flotter. Die Dämmerung neigte sich den Ende entgegen, somit wurde flugs aufgebaut.

Kurze Lagebesprechung, welches Teleskop wo drauf? Meine ieq45 nahm einen größeren Refraktor auf, schaut nach Zeiss aus, ist aber keiner, es steckt ein Triplet  Objektiv unbekannter Herkunft drinnen. Dieses Ding wollte ich einmal "anschnuppern". Mein 102/1100 durfte auf eine Celestron AS-GT, der Zeiss AS 100/1000 kam auf eine uralte, recht stabile Montierung. 

Was kann man schon großartig schauen, wenn der Mond den Himmel kräftig aufhellt? Jupiter. Das Seeing? Ausnehmend gut! Den ersten Blick auf Jupiter bekam ich in dem größeren Triplet Refraktor. Oh, durchaus fein, da geht was. Mit diesem Ding werden wir uns noch auseinandersetzen, um rauszufinden, was da angebracht ist, Prisma oder Zenitspiegel; ob wir jemals wirklich rausfinden, wer der Hersteller dieser Linsen war? Das ist aber auch sowas von egal. Hauptsache, die Optik ist gut. Zumindest ist der Tubus nicht schwer, das Teleskop eher ein Leichtgewicht, bringt aber doch aufgrund seiner stattlichen Länge ganz schön Hebel auf. Die ieq45 ist damit klar gekommen. Der "Zeiss-Style" Drehfokussierer ist natürlich eher ein Krampf, geht nicht sehr leichtgängig und auch nicht spielfrei. Zudem bringt man das Teleskop beim Fokussieren eher in Schwingungen als bei einem "normalen" Fokussierer.

Schaut nach Zeiss aus, ist es aber nicht. Unbekanntes Triplet Objektiv.

Dann ging es ans Match der Vierzoll Achromaten. Zeiss AS 100/1000 versus TS 102/1100. Es liegen gut 40 Jahre zwischen den beiden "Kontrahenten". Bei Zeiss wurde ein Teleskop als Einheit gebaut, alles aufeinander abgestimmt. Der 102/1100 dagegen ist ein Komponentenbauwerk, da werden die Dinge einfach zusammengeschraubt. Der Zeiss AS mit Qualitätsstandard gefertigt, der 102/1100 Großserien-Fertigung aus Fernost.

Es ist angerichtet: Im Vordergrund der Autor, hier wird Jupiter gerade im 102/1100 scharf gestellt, dahinter wird der Zeiss AS 100/1000 fertig aufgebaut. 
Später kam ein Sitzmöbel zum Einsatz, so krumm gebeugt wäre die Beobachtung höchst unbequem

Wir gaben den Teleskopen noch einige Zeit zum Austemperieren. Wiewohl immer wieder ein Auge durchs Okular riskiert wurde. Bei rund 180x kam es zum Showdown: Also, die nehmen sich nix. Das schaut da wie dort praktisch gleich aus. Keine Frage, der Zeiss ist gut, der "Chinese" hält aber voll mit. Ich steigerte die Vergrößerung am 102/1100 letztlich auf 275x. Aberwitzig, deutlich in der "Übervergrößerung", bei nur mehr 0,37mm Austrittspupille. Aber das Seeing war uns hold. Immer wieder ist für eine Sekunde oder so das Bild vollkommen klar gewesen. Was für ein Anblick! Ich musste wirklich lange warten, um im 102/1100 wieder mal so einen Jupiter sehen zu dürfen. Seine Leistungsfähigkeit hat dieser Refraktor so neuerlich unter Beweis gestellt.

Bei den Achromaten war vom Blausaum um Jupiter kaum etwas zu sehen. Der Mond stand nicht weit weg, an dem aufgehellten, blauen Himmelshintergrund fällt dann der Kontrast praktisch weg. Je höher man vergrößert, desto weniger wird's vom Licht her, desto eher erscheint Jupiter gelblich. Die Wolkenbänder erscheinen dunkelbraun, einen Violettstich findet man nicht. Die Details in den besten Seeingmomenten eben gewaltig. Es ist wirklich hoch erstaunlich, wenn man feines Seeing hat, was von der Öffnung her bescheidene Vierzöller leisten können!

Unser Gast musste da noch was aufbieten, so kam der Celestron C102F, ein 102/900 Fluorit Zweilinser zum Zug. Ich kenne dieses Teleskop schon, habe es ja auch gegen einen modernen FPL-53 ED 100/900 verglichen, wo sich der Fluorit von der Farbkorrektur her deutlich absetzen konnte. Im Fluorit gab es natürlich einen sehr schönen Jupiter zu sehen, farblich wunderbar, auch von den Details her, zum Zungenschnalzen. Gefehlt hat hier mein eigener 100/800 Triplet Super APO als Sparringpartner. Nach meiner Einschätzung hätten sich die beiden aber auch nix genommen. Es ist nur arg, sehr arg, wie der 102/1100 noch gegen den Fluorit gegengehalten hat! Ich kenne das ja, auch gegen meinen eigenen 100/800 Triplet Refraktor - was mir schon heftiges Kopfkratzen verursacht hat. Manchmal muss man sein Weltbild eben neu adaptieren.

So gesehen, was kaum zu glauben ist: Man bekommt heute, sicher auch nicht ganz billig, aber deutlich günstiger als einst, eine Hochleistungsoptik in die Hand, die sich nicht vor einstigen sehr teuren Zeiss Optiken verstecken muss. Ich kann auch bestätigen, da ich schon mehrere dieser 102/1100 in der Hand hatte, dass die Qualitätsstreuung sehr gering ist. Die waren alle gut. Es war somit ein sehr netter und lehrreicher Abend, ein lauer Abend mit Mondlicht, aber sehr gutem Seeing.

Howdii


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